• Warum erleben wir in der Physiotherapie-Praxis wiederkehrende Spannungen in der Brustwirbelsäule?

    Mit welcher Herausforderung werden wir im therapeutischen Alltag konfrontiert?

    Betrachten wir das Haltungs- und Bewegungsmuster unserer heutigen Zivilisation, liegt das Grundproblem schon auf der Hand. Mangelnde Bewegung, eindimensionale Belastung, langes Sitzen, starres Blicken auf den Bildschirm, Die Liste ist lang und aus physiologischer Sicht eine Katastrophe.



    Das Resultat begegnet uns zwangsläufig im Behandlungszimmer. Und dies ist keine Seltenheit.
    Ziehende Schmerzen hoch in den Nackenbereich, nervende Spannungen zwischen den Schulterblättern, Kopfschmerzen und Steifigkeit sind nur ein paar Symptome, mit denen sich der ein oder andere identifizieren kann.

    Ratgeber, Tipps und Übungen dagegen anzugehen, gibt es in Hülle und Fülle. Lassen Sie uns mal in den ein oder anderen funktionell-anatomischen Aspekt reinschauen.

    Grundlage der körperlichen Balance

    Unser Körper kann in verschiedene funktionelle Bereiche eingeteilt werden, die in ständigem Informationsaustausch und wechselseitigem Einfluss zueinanderstehen.
    Dabei ist es von großer Bedeutung zu verstehen, dass sich die physiologische Wirbelsäulenkrümmung nur durch eine aufrechtstehende Haltung organisiert. Um das Funktionieren und Aufrechterhalten dieses Zustandes zu gewährleisten, sucht der Körper permanent einen Zustand des Gleichgewichts, der Ökonomie und des Komforts. Dies wird über sich anspannende und entspannende myofasciale Ketten bewerkstelligt.

    Die Brustwirbelsäule als Einheit

    Die Brustwirbelsäule stellt mit ihren 12. Brustwirbelkörper nur einen Ausschnitt der funktionellen Einheit dar. Die dazugehörigen Rippenpaare, sowie das Brustbein lassen sich nur didaktisch davon trennen. Dieser Ring aus Wirbel-Rippe-Brustbein steht in unmittelbarem wechselseitigem Einfluss zu sich selbst. Bedeutet vereinfacht, kann eine Rippe sich nicht physiologisch bewegen, hat das eine Auswirkung auf die Funktionsweise der angrenzenden Wirbel, der angrenzenden Rippen und des Brustbeins.

    Relation zum Organ- und Nervensystem

    Die knöchernen Anteile dieser Region schützen zum einen lebenswichtige Organe wie Herz und Lunge, stellen aber zum anderen sicher, dass die Atmungs-, sowie die kardiovaskuläre Physiologie gut funktionieren können. Dazu bedarf es eine rhythmische Mobilität.

    Einen direkten mechanischen Zusammenhang dieser Organe mit der Brustwirbelsäule kann über deren bandhaften Aufhängungsstrukturen am knöchernen Brustkorb gefunden werden. So gibt es beispielsweise Bänder, die vom Herzen zur Wirbelsäule , Zwerchfell und Brustbein ziehen, die für uns Physiotherapeuten und Osteopathen eine wichtige Rolle spielen.

    Die besondere anatomische Relation zum Vegetativen Nervensystem im Verlauf der Brustwirbelsäule ist gerade für das heutzutage auftretende Haltungsbild elementar.

    Der Truncus sympathicus (sympathische Grenzstrang), der zum vegetativen Nervensystem gehört, besteht aus 22-23 Ganglien (Nervenzellkerne), zieht von der Schädelbasis neben der Wirbelsäule bis zum Steißbein. Dabei befindet sich der Großteil der sympathischen Ganglien und Nervenfasern auf Höhe der Brustwirbelsäule. Durch diese Nervenzellkörper laufen Nervenfasern, die diese Ganglien Teils als Umschaltstation nutzen, um dann zu den einzelnen Organen weitergeleitet zu werden.

    Die exakte Lokalisation der paravertebralen Ganglia thoracica (11-12 im Brustwirbelbereich gelegene Nervenzellkerne) ist nicht unwichtig. Eine mögliche Irritation kann aufgrund der nahen Positionierung zu den Rippenköpfchen, aufgrund z.B. einer Fehlstellung der BWS oder durch Wirbel/Rippenblockaden, entstehen.
    Das Vegetative Nervensystem gehört zu dem unwillkürlichen Nervensystem und steuert durch einen sympathischen, parasympathischen und enterischen Anteil die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen (u.a. Herzfrequenz, Atmung, Verdauung, Stoffwechsel).

    Gerade deshalb sollten bestehende Beschwerden z.B. ein verstärkt wahrnehmbarer Herzschlag, Verdauungsprobleme oder Schlafstörungen, die ohne organisch pathologischen Befund bleiben, unbedingt auf eine Funktionstörung der BWS untersucht werden.

    Betrachtet man alle Faktoren, besteht eine Brustwirbelsäule nicht nur aus zwölf sich biomechanisch bewegenden Wirbelkörpern, sondern stellt ein viel komplexeres Thema dar. Der enorme Einfluss unseres Organsystems auf das physiologische Funktionieren unserer Wirbelsäule durch die Fixierung unserer Viscera über Bänder an den knöchernen Anteilen einerseits, anderseits aber auch die enge Relation zum vegetativen Nervensystems, beinhaltet eine große Herausforderung in der Diagnostik von Funktionsstörungen der Brustwirbelsäule.

    Einfluss der Atmung

    Wollen wir den Mechanismus hinter dem Auftreten von Symptomen, die mit der Brustwirbelsäule in Zusammenhang stehen ergründen, dürfen wir die Aktivität des Zwerchfells nicht ausser Acht lassen.

    Ein möglicher Dynamikverlust des Zwerchfells, bedingt durch unsere heutige Lebensweise, kann gravierende Auswirkungen haben.

    Beobachten Sie sich selbst. Wann atmen Sie im Alltag mal richtig tief durch? Unsere Atmung tendiert dahin äußerst flach zu werden. Der Bewegungsumfang während der Einatmung nach unten und während der Ausatmung nach oben scheint sehr oft reduziert zu sein.

    Konsequenz, die Strukturen, die von der Brustwirbelsäule in direktem oder indirektem Kontakt mit dem Zwerchfell stehen, werden vermehrt unter Spannung gebracht. Geschweige denn von zirkulatorischen Einflüssen auf das Gefäß- und Nervensystem, welches durch das Zwerchfell hindurchläuft.

    Dass dies zu muskulären Spannungszuständen im Brustwirbelbereich führen kann, die als Kompensationen des Bewegungsverlust des Zwerchfells aufgebaut werden, klingt nach einer durchaus plausiblen Möglichkeit.


    Empfehlung

    Lassen Sie sich von dem Physiotherapeuten Ihres Vertrauens eingehend untersuchen. Welcher Einfluss dominiert in der Entstehung Ihrer Probleme. Gibt es lokale Dysfunktionen im Rippen- Wirbelbereich, die gelöst werden müssen? Hat das Zwerchfell eine adäquate Mobilität?

    Versuchen Sie dies in der Überlegung der Behandlungsstrategie einfließen zu lassen und verhelfen Sie sich wieder zu mehr Bewegungs- und Schmerzfreiheit.