Physio Praxis
Was tun bei Kniearthrose?
Irgendwann trifft es viele. Auch mich! Auf dem Rückweg von meiner täglichen Walkingtour konnte ich mich plötzlich fast nicht mehr bewegen. Schmerzen im linken Knie und in der linken Hüfte machten jeden weiteren Schritt zur Herausforderung. Nichts ging mehr. Für einen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach, mir für den letzten Kilometer ein Taxi zu rufen, um überhaupt wieder nach Hause zu kommen. Einige Tage später folgte die Diagnose meines Hausarztes: Arthrose im Kniegelenk und in der Hüfte. Eine völlig neue Erfahrung – und eine ziemlich eindrucksvolle Erinnerung daran, dass selbst ein Körper, der über viele Jahre zuverlässig funktioniert hat, nicht unbegrenzt verschleißfrei bleibt.
Was ist Arthrose eigentlich?
Arthrose bezeichnet degenerative Veränderungen eines Gelenks, bei denen insbesondere der Gelenkknorpel zunehmend geschädigt wird. Alter spielt dabei eine wichtige Rolle, Arthrose ist jedoch nicht einfach nur eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Älterwerdens. Unterschiedliche Faktoren können ihre Entstehung und ihren Verlauf beeinflussen. Dazu gehören beispielsweise angeborene oder erworbene Fehlstellungen, frühere Verletzungen, bestimmte einseitige oder dauerhaft hohe Belastungen in Beruf und Sport sowie Übergewicht. Auch Veränderungen der Bewegungsabläufe können dazu führen, dass Kräfte innerhalb eines Gelenks anders verteilt werden.
Warum der Gelenkknorpel so wichtig ist
Die miteinander in Kontakt stehenden Gelenkflächen sind mit Gelenkknorpel überzogen. Dieser besitzt besondere mechanische Eigenschaften und ermöglicht zusammen mit der Gelenkflüssigkeit, dass sich die Gelenkpartner möglichst reibungsarm gegeneinander bewegen können. Gleichzeitig verteilt der Knorpel auftretende Belastungen. Wird diese Struktur geschädigt, verändert sich das Zusammenspiel innerhalb des Gelenks. Arthrose ist dabei wesentlich komplexer als das häufig verwendete Bild vom einfachen „Abnutzen“ zweier Flächen. Neben dem Knorpel können auch Knochen, Gelenkschleimhaut, Gelenkkapsel, Muskulatur und andere Strukturen an Beschwerden beteiligt sein. Fehlstellungen oder Folgen früherer Verletzungen können die Belastungsverteilung zusätzlich verändern und bestimmte Gelenkbereiche stärker beanspruchen.
Wenn der Physiotherapeut selbst zum Patienten wird
Ich habe viele Jahre als Physiotherapeut gearbeitet. Theoretisch wusste ich also einiges über die Entstehung, den Verlauf und die Behandlung einer Arthrose. Trotzdem macht es einen erheblichen Unterschied, ob man einem Patienten erklärt, warum sein Knie schmerzt, oder ob man plötzlich selbst morgens aufsteht und merkt, dass das eigene Gelenk nicht mehr so selbstverständlich funktioniert wie früher. Genau dieser Perspektivwechsel war für mich der Anlass, mich noch intensiver mit den Möglichkeiten der Arthrosebehandlung zu beschäftigen – auch mit den Verfahren, die über klassische physiotherapeutische Maßnahmen hinausgehen. Denn Arthrose bedeutet keineswegs automatisch, dass irgendwann nur noch eine Operation bleibt. Je nach Ausprägung, Beschwerden und persönlicher Situation stehen unterschiedliche konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Schmerzmittel: hilfreich, aber keine Dauerlösung
Bei schmerzhaften Arthrosebeschwerden kommen häufig Medikamente zum Einsatz. Eine wichtige Gruppe sind die nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR. Dazu gehören Wirkstoffe wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen. Sie wirken nicht nur schmerzlindernd, sondern auch entzündungshemmend. Das ist relevant, weil Arthroseschmerzen nicht einfach dadurch entstehen, dass „der Knorpel wehtut“. Gelenkknorpel selbst besitzt keine Schmerzfasern. Schmerzen können vielmehr aus verschiedenen Strukturen des betroffenen Gelenks und aus entzündlichen Vorgängen entstehen. NSAR können insbesondere in schmerzhaften Phasen hilfreich sein, sind aber nicht automatisch für eine langfristige und unkontrollierte Einnahme geeignet. Je nach Wirkstoff, Dosierung, Behandlungsdauer und individuellen Risikofaktoren können unter anderem Magen-Darm-Blutungen sowie Nieren- und Herz-Kreislauf-Probleme auftreten. Deshalb sollte insbesondere eine längerfristige Einnahme ärztlich abgestimmt werden.Injektionen mit Kortison oder Hyaluronsäure
Den Satz hat vermutlich fast jeder schon einmal im älter werdenden Bekanntenkreis gehört: „Mein Arzt hat mir eine Spritze ins Knie gegeben.“ Hinter einer solchen Spritze können allerdings sehr unterschiedliche Behandlungsansätze stehen. Kortisonpräparate werden direkt in das Gelenk injiziert, um entzündliche Prozesse und damit verbundene Beschwerden zu reduzieren. Sie können in bestimmten Situationen kurzfristig hilfreich sein, sind aber keine Methode, mit der geschädigter Knorpel wiederhergestellt wird. Eine andere Möglichkeit sind Injektionen mit Hyaluronsäure. Hyaluronsäure ist natürlicherweise Bestandteil der Gelenkflüssigkeit und beeinflusst deren physikalische Eigenschaften. Bei der sogenannten Viskosupplementation wird sie in das Gelenk eingebracht. Manche Patienten berichten anschließend über eine Verringerung ihrer Beschwerden. Die wissenschaftliche Bewertung dieser Behandlung ist allerdings nicht einheitlich, und Hyaluronsäure sollte deshalb nicht als einfache „Schmierung“ verstanden werden, die den verschlissenen Knorpel repariert. Ob eine solche Behandlung im individuellen Fall sinnvoll ist, sollte mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
Die Orthokin-Eigenblutbehandlung
Ein weiterer Ansatz ist die sogenannte Orthokin-Therapie. Dabei handelt es sich um ein Eigenblutverfahren. Dem Patienten wird Blut entnommen und anschließend speziell aufbereitet. Ziel des Verfahrens ist es, körpereigene entzündungshemmende Proteine anzureichern. Das aufbereitete Serum wird anschließend wieder in die zu behandelnde Region beziehungsweise das betroffene Gelenk injiziert. Interessant ist dieser Ansatz insbesondere deshalb, weil dabei körpereigene Bestandteile verwendet werden. Allerdings gilt auch hier: Die Existenz eines biologisch plausiblen Wirkmechanismus bedeutet noch nicht automatisch, dass eine Therapie für jeden Arthrosepatienten geeignet oder anderen Verfahren grundsätzlich überlegen ist. Nutzen, Kosten und wissenschaftliche Evidenz sollten deshalb vor einer Behandlung individuell besprochen werden.
Knorpeltransplantation: neuen Knorpel einsetzen?
Knorpeltransplantationen gehören zu den gelenkerhaltenden operativen Verfahren. Dabei können körpereigene Knorpelzellen entnommen, im Labor vermehrt und später in einen umschriebenen Knorpeldefekt eingebracht werden. Das klingt zunächst nach einer naheliegenden Lösung: Wo Knorpel fehlt, wird neuer Knorpel eingesetzt. Allerdings eignet sich ein solches Verfahren nicht automatisch für jede Form einer fortgeschrittenen, großflächigen Arthrose. Besonders wichtig sind deshalb eine genaue Diagnostik und die Frage, welche Art von Knorpelschaden tatsächlich vorliegt. Alter, Größe und Lage des Defekts, Zustand des übrigen Gelenks sowie mögliche Fehlstellungen spielen bei der Auswahl geeigneter Patienten eine wesentliche Rolle.Gelenkersatz: Wenn das eigene Knie nicht mehr ausreichend funktioniert
Bei einer weit fortgeschrittenen Gonarthrose kann schließlich ein teilweiser oder vollständiger Gelenkersatz notwendig werden. Eine Knieendoprothese ersetzt geschädigte Gelenkflächen und kann bei entsprechendem Befund Schmerzen deutlich reduzieren und die Funktion verbessern. Trotzdem sollte man sich eine solche Operation nicht wie den Austausch eines defekten mechanischen Ersatzteils vorstellen: altes Knie heraus, neues Knie hinein und am nächsten Morgen läuft alles wieder wie früher. Mit der Operation beginnt vielmehr eine wichtige Phase der Rehabilitation.
Nach der Operation beginnt die eigentliche Arbeit
Nach einem Gelenkersatz oder anderen größeren Eingriffen müssen Beweglichkeit, Kraft, Koordination und ein möglichst physiologischer Bewegungsablauf wieder aufgebaut werden. Genau hier bekommt Physiotherapie eine zentrale Bedeutung. Muskulatur kann nach einer Operation erheblich an Leistungsfähigkeit verlieren, Bewegungsmuster verändern sich und auch das Vertrauen in das operierte Gelenk muss häufig erst wieder entstehen. Rehabilitation braucht deshalb Zeit und aktive Mitarbeit. Der Patient wird nicht einfach „repariert“, sondern muss einen erheblichen Teil des Weges selbst gehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, wenn man als ehemaliger Physiotherapeut plötzlich auf der anderen Seite der Behandlung steht: Fachwissen hilft. Aber erst als Patient versteht man wirklich, wie viel Geduld, Konsequenz und manchmal auch eine Portion Optimismus notwendig sind, wenn ein Gelenk nicht mehr so funktioniert, wie man es jahrzehntelang für selbstverständlich gehalten hat.