Achilles-Tendinitis ist eine der häufigsten Sehnenüberlastungen in der orthopädischen und sportphysiotherapeutischen Praxis. Sie betrifft nicht nur leistungsorientierte Sportler, sondern ebenso Menschen mit moderater Alltagsaktivität oder unregelmäßigem Training. Die Achillessehne ist die stärkste Sehne des menschlichen Körpers und überträgt enorme Kräfte vom Wadenmuskel auf den Fuß. Genau diese Dauerbelastung macht sie anfällig für Überlastungsreaktionen, wenn Anpassung, Regeneration und Belastungssteuerung nicht mehr im Gleichgewicht sind.
Patienten schildern häufig stechende oder ziehende Schmerzen im Bereich der Ferse oder entlang der Sehne, besonders ausgeprägt morgens nach dem Aufstehen oder zu Beginn einer Belastung. Charakteristisch ist, dass sich die Beschwerden während der Aktivität kurzfristig bessern können, um danach verstärkt zurückzukehren. Dieses Muster führt nicht selten dazu, dass Warnsignale ignoriert werden und sich die Problematik chronifiziert. Aus physiotherapeutischer Sicht ist es daher entscheidend, nicht nur die Symptome zu behandeln, sondern die zugrunde liegenden Ursachen systematisch zu analysieren.
Entstehungsursachen der Achilles-Tendinitis
Die Achilles-Tendinitis entsteht selten durch eine einzelne Ursache. In der Praxis zeigt sich meist ein Zusammenspiel aus Überlastung, biomechanischen Faktoren und unzureichender Regeneration. Besonders häufig tritt die Problematik nach plötzlichen oder ungewohnten Belastungssteigerungen auf, etwa bei einer abrupten Erhöhung des Laufumfangs, einem Wechsel des Trainingsuntergrunds oder der Wiederaufnahme sportlicher Aktivität nach längerer Pause.
Biomechanische Faktoren spielen eine zentrale Rolle. Fußfehlstellungen wie ein ausgeprägter Platt- oder Hohlfuß verändern die Kraftverteilung entlang der Sehne und führen zu einer einseitigen Mehrbelastung. Auch eine eingeschränkte Sprunggelenksbeweglichkeit oder muskuläre Dysbalancen zwischen Waden- und Fußmuskulatur erhöhen die Zugkräfte auf die Achillessehne. Hinzu kommt ungeeignetes Schuhwerk, das entweder zu wenig Dämpfung bietet oder den Fuß in seiner natürlichen Abrollbewegung einschränkt.
Ein weiterer häufig unterschätzter Faktor ist die Regeneration. Wird der Sehne nicht ausreichend Zeit zur Anpassung gegeben, summieren sich Mikroverletzungen im Gewebe. Mit zunehmendem Alter nimmt zudem die Elastizität und Durchblutung der Sehne ab, was ihre Belastbarkeit reduziert. Auch systemische Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder bestimmte Medikamente, insbesondere Fluorchinolon-Antibiotika, können die Sehnenstruktur negativ beeinflussen.
Diagnostik aus physiotherapeutischer Sicht
Die Diagnose einer Achilles-Tendinitis basiert auf einer ausführlichen Anamnese und einer gezielten klinischen Untersuchung. Patienten berichten typischerweise über belastungsabhängige Schmerzen, die sich im Tagesverlauf verändern. In der Palpation zeigt sich häufig eine lokale Druckempfindlichkeit oder Verdickung der Sehne, teilweise begleitet von Überwärmung.
Funktionelle Tests geben Aufschluss über die Belastbarkeit der Wadenmuskulatur, die Beweglichkeit des Sprunggelenks und mögliche kompensatorische Bewegungsmuster. Bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder MRT werden ergänzend eingesetzt, um strukturelle Veränderungen sichtbar zu machen. Für die physiotherapeutische Behandlung ist jedoch weniger der bildgebende Befund entscheidend als das funktionelle Gesamtbild und die Belastungstoleranz des Patienten.
Konservative Therapieansätze
In den meisten Fällen lässt sich eine Achilles-Tendinitis erfolgreich konservativ behandeln. Zentrale Maßnahme ist die Anpassung der Belastung. Eine vollständige Ruhigstellung ist selten sinnvoll, vielmehr geht es darum, schmerzauslösende Aktivitäten zu reduzieren und alternative Belastungsformen zu nutzen. In der akuten Phase können kühlende Maßnahmen und entzündungshemmende Anwendungen zur Schmerzlinderung beitragen.
Ein wesentlicher Bestandteil der physiotherapeutischen Behandlung ist das exzentrische Training der Wadenmuskulatur. Kontrollierte, langsame Belastungen fördern die Anpassungsfähigkeit des Sehnengewebes und gelten als evidenzbasierter Standard in der Behandlung chronischer Achillessehnenbeschwerden. Ergänzend kommen manuelle Techniken zum Einsatz, um die lokale Durchblutung zu verbessern und Spannungen im umliegenden Gewebe zu reduzieren.
Dehnübungen der Wadenmuskulatur können helfen, die Zugbelastung auf die Sehne zu verringern. In ausgewählten Fällen können physikalische Verfahren wie Stoßwellentherapie unterstützend wirken. Bei ausgeprägten Fußfehlstellungen ist eine temporäre Einlagenversorgung sinnvoll, um die Belastung gleichmäßiger zu verteilen.
Die Rolle des Schuhwerks
Das Schuhwerk spielt in der Praxis eine größere Rolle, als viele Patienten vermuten. Auch aus eigener Erfahrung weiß ich, wie stark sich ungeeignete Schuhe auf die Achillessehne auswirken können. Obwohl ich täglich mehrere Kilometer laufe, jogge oder walke, habe ich lange Zeit wenig Wert auf hochwertige Sportschuhe gelegt. Erst der Wechsel auf einen gut gedämpften, stabilen Schuh führte dazu, dass meine chronischen Achillessehnenbeschwerden innerhalb weniger Tage vollständig verschwanden.
Diese Erfahrung lässt sich nicht pauschalisieren, verdeutlicht jedoch, wie stark Dämpfung, Sprengung und Stabilität die Sehnenbelastung beeinflussen. Entscheidend ist nicht das Modell, sondern die Passung zum individuellen Bewegungsmuster. Eine fachkundige Beratung kann hier einen erheblichen Unterschied machen.
Prävention und langfristige Belastungssteuerung
Zur Vermeidung von Rückfällen ist Prävention ein zentraler Bestandteil der Therapie. Dazu gehören ein konsequentes Aufwärmen vor sportlicher Aktivität und eine progressive Belastungssteigerung. Trainingsumfang und Intensität sollten schrittweise angepasst werden, um dem Sehnengewebe ausreichend Zeit zur Anpassung zu geben.
Ein ausgewogenes Krafttraining der Waden- und Fußmuskulatur entlastet die Achillessehne und verbessert die Belastbarkeit. Ebenso wichtig ist Abwechslung im Trainingsalltag, da monotone Belastungen das Risiko für Überlastung erhöhen. Regeneration ist kein optionaler Faktor, sondern ein integraler Bestandteil des Trainingsprozesses.
Rehabilitation und Rückkehr zur Aktivität
Die Rehabilitation erfolgt stufenweise. In der Akutphase stehen Schmerzreduktion und Entlastung im Vordergrund. Anschließend wird die Belastbarkeit der Sehne durch gezielte Übungen schrittweise aufgebaut. Erst wenn Belastungen schmerzfrei toleriert werden, erfolgt die Rückkehr zu sportlichen Aktivitäten.
Langfristig profitieren Patienten von regelmäßigen physiotherapeutischen Kontrollen, um frühzeitig auf Veränderungen reagieren zu können. Achilles-Tendinitis ist eine ernstzunehmende, aber gut behandelbare Erkrankung, wenn Belastungssteuerung, Therapie und Prävention konsequent umgesetzt werden.
Wissenschaftliche Quellen
Khan KM, Cook JL, Kannus P et al. Time to abandon the “tendinitis” myth: pain and tendon pathology equals tendinopathy. British Journal of Sports Medicine. 2010. | Rees JD, Stride M, Scott A. Tendons – time to revisit inflammation. British Journal of Sports Medicine. 2014. | Alfredson H, Pietilä T, Jonsson P, Lorentzon R. Heavy-load eccentric calf muscle training for chronic Achilles tendinosis. American Journal of Sports Medicine. 1998. | Silbernagel KG, Thomeé R, Eriksson BI et al. Continued sports activity using a pain-monitoring model in Achilles tendinopathy. American Journal of Sports Medicine. 2007. | Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Leitlinien zur Behandlung von Achillessehnenbeschwerden. AWMF.
