„OP oder nochmal KG?“ Diese Frage dürfte beim ATOS Schulterkongress am 6. November 2026 in Heidelberg besonders viele Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten interessieren. Denn sie betrifft einen zentralen Konflikt in der Versorgung von Schulterpatienten: Wann ist eine Operation tatsächlich notwendig, wann kann eine konservative Behandlung vergleichbare funktionelle Ergebnisse erreichen und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Rehabilitation? Unter dem Leitthema „Innovation & Kontroverse in der Schulterchirurgie“ stellen sich renommierte Schulterspezialisten genau diesen Fragen. Der Kongress findet von 8 bis 18 Uhr im Atlantic Hotel Heidelberg statt. Physiotherapeuten können für 50 Euro teilnehmen.

Warum der ATOS Schulterkongress 2026 auch für Physiotherapeuten interessant ist

Die Entscheidung über eine Schulteroperation wird meist von Orthopäden und Unfallchirurgen getroffen. Die Folgen dieser Entscheidung beschäftigen jedoch häufig über Wochen oder Monate die Physiotherapie. Ob Rotatorenmanschettenrekonstruktion, operative Stabilisierung nach einer Schulterluxation oder Implantation einer Schulterprothese: Belastungsaufbau, Beweglichkeit, Muskelkontrolle und funktionelle Wiederherstellung spielen in der anschließenden Versorgung eine entscheidende Rolle.

Gerade deshalb lohnt es sich, die chirurgische Perspektive kennenzulernen. Welche Befunde sprechen für eine Operation? Wann sind konservative Behandlungsversuche gerechtfertigt? Wie unterscheiden sich die Einschätzungen erfahrener Operateure? Der ATOS Schulterkongress bietet hierzu keine einheitlichen Lehrmeinungen, sondern bewusst kontroverse Diskussionen. In mehreren Sitzungen vertreten jeweils zwei Spezialisten gegensätzliche Positionen. Die Teilnehmer können die Argumente vergleichen und anschließend Fragen stellen.

Der Kongress ist ausdrücklich chirurgisch ausgerichtet. Ein eigenständiger Rehabilitationsblock steht nicht auf dem Programm. Dennoch betrifft ein erheblicher Teil der Vorträge unmittelbar die physiotherapeutische Versorgung und die Kommunikation zwischen Operateuren, behandelnden Ärzten und Therapeuten.

Rotatorenmanschettenriss im Alter: Operieren oder konservativ behandeln?

Den ersten fachlichen Schwerpunkt bildet von 9 bis 10 Uhr der Themenblock „Konservativ oder operativ? Schultertherapie im Entscheidungskonflikt“. Bereits um 9 Uhr diskutieren Dr. Sven Lichtenberg und Prof. Dr. Thomas Ambacher die Frage, ob eine Rotatorenmanschettenläsion beim älteren Patienten operiert oder toleriert werden sollte. Lichtenberg vertritt die operative Position, Ambacher die Gegenposition.

Die Fragestellung ist klinisch relevant, weil strukturelle Sehnenveränderungen mit zunehmendem Alter häufiger auftreten, ihre Bedeutung für Schmerzen und Funktionsverlust jedoch individuell unterschiedlich sein kann. Für die Therapieentscheidung zählen unter anderem die Beschwerden, die verbleibende Kraft, die Beweglichkeit, die Größe und Art des Sehnenschadens sowie die funktionellen Anforderungen des Patienten.

Eine wichtige wissenschaftliche Grundlage liefert die AAOS-Leitlinie zur Behandlung von Rotatorenmanschettenverletzungen aus dem Jahr 2025. Sie beschreibt, dass sowohl Physiotherapie als auch operative Verfahren bei symptomatischen kleinen bis mittelgroßen vollständigen Sehnenrissen deutliche Verbesserungen erzielen können. Zugleich weist sie darauf hin, dass sich bei langfristiger nichtoperativer Versorgung Sehnendefekte, Muskelatrophie und fettige Muskelveränderungen weiterentwickeln können. Gerade dieser Zielkonflikt zwischen funktioneller Verbesserung und möglicher struktureller Progression macht die Diskussion für die physiotherapeutische Praxis interessant.

ACG-Sprengung: Beitzel und Loew vertreten gegensätzliche Positionen

Um 9.20 Uhr steht die ACG-Sprengung im Mittelpunkt. Verletzungen des Akromioklavikulargelenks entstehen häufig durch einen Sturz auf die Schulter und reichen von leichteren Bandverletzungen bis zu ausgeprägten Instabilitäten. Während bei geringgradigen Verletzungen meist konservative Verfahren infrage kommen, wird die optimale Behandlung höhergradiger Verletzungen kontrovers diskutiert.

Prof. Dr. Knut Beitzel argumentiert beim Kongress für die operative Stabilisierung, Prof. Dr. Markus Loew vertritt die konservative Gegenposition. Für Physiotherapeuten stellt sich dabei nicht nur die Frage nach der Operationsindikation. Ebenso wichtig ist, welche Belastungen nach einer Verletzung oder Stabilisierung zunächst vermieden werden müssen, wie die Schulterfunktion wiederhergestellt wird und wann eine Rückkehr zu Beruf oder Sport realistisch ist. Konkrete Nachbehandlungsmaßnahmen müssen dabei stets an den individuellen Befund und gegebenenfalls das operative Vorgehen angepasst werden.

Irreparable Rotatorenmanschette und inverse Schulterprothese: Welche Alternativen gibt es?

Der zweite Themenblock von 10.50 bis 11.50 Uhr beschäftigt sich mit schweren und teilweise irreparablen Rotatorenmanschettenschäden. Prof. Dr. Knut Beitzel erläutert zunächst die Biomechanik einer irreparablen Rotatorenmanschette und die Frage, welche Behandlung unter diesen Voraussetzungen noch sinnvoll ist. Anschließend geht es um Sehnenersatzverfahren, Re-Rupturen und die Grenzen rekonstruktiver Eingriffe.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Diskussion um 11.35 Uhr: „Muss jeder ältere Patient eine inverse Prothese bekommen?“ Dr. Andreas Kiekenbeck vertritt die Pro-Position, Prof. Dr. Gunther Sandmann die Gegenposition. Die inverse Schulterprothese kann bei bestimmten schweren Schultererkrankungen eine wichtige Option darstellen, ist aber nicht automatisch für jeden älteren Patienten mit einem ausgedehnten Sehnenschaden erforderlich.

Für die physiotherapeutische Behandlung ergeben sich daraus unterschiedliche Ausgangssituationen. Bei konservativer Versorgung stehen die Nutzung vorhandener Bewegungsressourcen, die Kontrolle von Schmerzen und die funktionelle Anpassung im Vordergrund. Nach einer Prothesenimplantation bestimmen dagegen unter anderem das operative Verfahren, die Gewebeheilung und das individuelle Nachbehandlungsschema die Belastungsprogression. Grundlagen der konservativen und postoperativen Behandlung behandelt auch unser Beitrag Schultererkrankungen physiotherapeutisch behandeln – Beweglichkeit wiederherstellen.

Schulterprothetik, Implantate und Revisionen: Das Nachmittagsprogramm

Zwischen 13 und 14.50 Uhr stehen Entwicklungen der Schulterprothetik im Mittelpunkt. Ehrengast Prof. Dr. Peter Habermeyer blickt auf die Entwicklung des Fachgebiets zurück und stellt gemeinsam mit Prof. Dr. Marc Schnetzke Langzeitergebnisse der Eclipse-Prothese vor. Weitere Vorträge beschäftigen sich mit schaftfreien und Kurzschaftprothesen, einem dysplastischen Glenoid sowie der Behandlung von Protheseninfektionen.

Diese Themen erscheinen zunächst stark chirurgisch geprägt. Für Physiotherapeuten sind sie dennoch relevant, weil unterschiedliche Implantate, Revisionseingriffe und Komplikationen unterschiedliche Voraussetzungen für die postoperative Rehabilitation schaffen können. Eine standardisierte Schulterbehandlung ohne Kenntnis des Eingriffs und seiner Einschränkungen wird komplexen Fällen häufig nicht gerecht.

„OP oder nochmal KG?“ – Fallbesprechung um 16.05 Uhr

Der vierte Kongressblock beginnt um 15.20 Uhr und widmet sich Schulterinstabilitäten, modernen Stabilisierungstechniken sowie Problemen nach vorausgegangenen Eingriffen. Prof. Dr. Knut Beitzel spricht unter anderem über Hill-Sachs-Läsionen und Glenoidverlust, während Dr. Sven Lichtenberg Revisionsstrategien nach fehlgeschlagener Stabilisierung behandelt.

Um 16.05 Uhr folgt mit Prof. Dr. Gunther Sandmann die Fallbesprechung „OP oder nochmal KG?“. Für Physiotherapeuten ist dieser Programmpunkt besonders interessant, weil er die Grenze zwischen einem erneuten konservativen Therapieversuch und einer operativen Versorgung ausdrücklich zum Thema macht.

Eine solche Entscheidung lässt sich nicht allein anhand der Zahl bereits absolvierter Krankengymnastiktermine treffen. Wesentlich sind vielmehr die konkrete Ursache der Beschwerden, die bisherige Behandlung, die tatsächlich erreichten funktionellen Fortschritte und die Frage, ob weitere konservative Maßnahmen noch ein realistisches Therapieziel verfolgen. Genau an dieser Schnittstelle können chirurgische und physiotherapeutische Perspektiven voneinander profitieren.

Ab 16.30 Uhr schließt sich eine Podiumsdiskussion mit Fallbesprechungen an. Ab 17 Uhr besteht beim Get-together Gelegenheit zum persönlichen Austausch mit Referenten und anderen Teilnehmern.

Wer leitet den ATOS Schulterkongress in Heidelberg?

Die wissenschaftliche Leitung übernehmen Prof. Dr. Knut Beitzel und Prof. Dr. Marc Schnetzke. Die Referenten kommen aus mehreren deutschen Klinikstandorten, darunter Heidelberg, Köln, Hamburg, München, Berlin, Wiesbaden und Stuttgart. Das Programm verbindet Vorträge zu aktuellen Operationstechniken mit kontroversen Therapiediskussionen und konkreten Fallbesprechungen. Für Physiotherapeuten bietet gerade diese Verbindung die Möglichkeit, operative Entscheidungen besser nachzuvollziehen und die eigene therapeutische Perspektive in den fachlichen Austausch einzubringen.

ATOS Schulterkongress 2026: Termin, Veranstaltungsort, Teilnahmegebühr und Anmeldung

Wann findet der Kongress statt? Am Freitag, 6. November 2026, von 8 bis 18 Uhr. Das Get-together beginnt um 17 Uhr.

Wo findet der Kongress statt? Im Atlantic Hotel Heidelberg, Europaplatz 1, 69115 Heidelberg, im 11. Obergeschoss. Das Hotel liegt nur wenige Gehminuten vom Heidelberger Hauptbahnhof entfernt. Parkmöglichkeiten bestehen in der hoteleigenen Tiefgarage und in nahe gelegenen Parkhäusern.

Was kostet die Teilnahme? Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten zahlen 50 Euro. Für Ärztinnen und Ärzte beträgt die Teilnahmegebühr 80 Euro. Physiotherapeuten erhalten eine Teilnahmebescheinigung.

Wie funktioniert die Anmeldung? Das vollständige Kongressprogramm und das Anmeldeformular sind auf der offiziellen Website unter ATOS Schulterkongress Heidelberg 2026 verfügbar. Physiotherapeuten wählen im Formular die entsprechende Berufsgruppe aus. Alternativ ist eine Anmeldung per E-Mail an ATOSSchulterkongress@atos.de möglich. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, empfiehlt der Veranstalter eine frühzeitige Anmeldung.

Der ATOS Schulterkongress ist damit nicht nur eine Veranstaltung über neue Operationstechniken. Sein besonderer Reiz liegt in der offenen Diskussion darüber, wann chirurgische Eingriffe notwendig sind, wann konservative Verfahren eine sinnvolle Alternative darstellen und wie sich unterschiedliche Behandlungskonzepte begründen lassen. Für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, die regelmäßig Schulterpatienten behandeln, ist dieses Wissen eine wichtige Grundlage für die interdisziplinäre Zusammenarbeit.