Was ist ein Innenbandriss am Knie?
Ein Innenbandriss, medizinisch als Verletzung des medialen Kollateralbandes bezeichnet, gehört zu den häufigsten Bandverletzungen des Kniegelenks. Das Innenband verläuft an der Innenseite des Knies und stabilisiert das Gelenk insbesondere gegen seitliche Belastungen von außen. Kommt es zu einer plötzlichen Krafteinwirkung, etwa durch einen Zusammenstoß, eine unkontrollierte Drehbewegung oder ein abruptes Abbremsen, kann das Band überdehnt oder vollständig gerissen werden.
Besonders häufig tritt ein Innenbandriss bei Sportarten auf, die schnelle Richtungswechsel, Körperkontakt oder hohe Belastungsspitzen erfordern. Dazu zählen unter anderem Fußball, Handball, Skifahren oder Basketball. Aber auch im Alltag, etwa durch einen Sturz oder eine ungünstige Bewegung, kann das Innenband verletzt werden. Entscheidend ist dabei weniger die absolute Kraft, sondern die Richtung und Geschwindigkeit der Belastung.
Typische Symptome eines Innenbandrisses
Die Symptome eines Innenbandrisses treten meist unmittelbar nach dem Verletzungsereignis auf. Charakteristisch sind akute Schmerzen an der Innenseite des Knies, die sich bei Belastung oder Bewegung verstärken. Viele Betroffene berichten von einem kurzen Knacken oder Reißgefühl im Moment der Verletzung, auch wenn dies nicht zwingend auftreten muss.
Im weiteren Verlauf kommt es häufig zu einer Schwellung des Kniegelenks, die sich innerhalb der ersten Stunden entwickelt. Zusätzlich kann ein Instabilitätsgefühl auftreten, insbesondere beim Gehen auf unebenem Untergrund oder beim Abwärtsgehen von Treppen. Je nach Schweregrad sind Bewegungseinschränkungen, Schonhaltungen oder eine deutliche Belastungsunfähigkeit möglich.
Diagnostik und ärztliche Abklärung
Die Diagnose eines Innenbandrisses beginnt mit einer ausführlichen Anamnese und einer klinischen Untersuchung. Dabei prüft der behandelnde Arzt die Stabilität des Kniegelenks und achtet auf typische Schmerzreaktionen. Ein zentraler Bestandteil ist der sogenannte Valgusstresstest, bei dem gezielt Druck auf die Innenseite des Knies ausgeübt wird, um die Bandstabilität zu beurteilen.
Um das Ausmaß der Verletzung genau einzuschätzen und mögliche Begleitverletzungen auszuschließen, kommen bildgebende Verfahren zum Einsatz. Das Magnetresonanztomogramm gilt als Goldstandard, da es Bandstrukturen, Knorpel, Menisken und angrenzende Gewebe detailliert darstellt. Röntgenaufnahmen werden ergänzend eingesetzt, um knöcherne Verletzungen auszuschließen.
Schweregrade eines Innenbandrisses
Innenbandverletzungen werden in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt. Bei einer leichten Verletzung liegt meist eine Überdehnung oder ein Teilriss vor. Die Bandstruktur ist noch erhalten, die Stabilität nur geringfügig eingeschränkt. Bei einem mittelgradigen Riss ist das Band teilweise durchtrennt, was zu einer spürbaren Instabilität führen kann.
Ein vollständiger Innenbandriss ist seltener und geht mit einer deutlichen Instabilität des Kniegelenks einher. Häufig treten hierbei zusätzliche Verletzungen auf, etwa des vorderen Kreuzbandes oder des Meniskus. Die genaue Einordnung ist entscheidend für die Wahl der Therapie.
Konservative Behandlungsmöglichkeiten
In den meisten Fällen kann ein Innenbandriss konservativ behandelt werden. Das Innenband besitzt eine gute Durchblutung und ein hohes Heilungspotenzial. Zu Beginn steht die Entlastung des Kniegelenks im Vordergrund, häufig unterstützt durch eine stabilisierende Schiene oder Bandage, die seitliche Bewegungen begrenzt.
Begleitend werden schmerzlindernde und entzündungshemmende Maßnahmen eingesetzt. Bereits in der frühen Phase spielt die Physiotherapie eine wichtige Rolle. Ziel ist es, Schwellungen zu reduzieren, die Beweglichkeit kontrolliert zu erhalten und frühzeitig eine Aktivierung der umliegenden Muskulatur zu fördern, ohne das Band zu überlasten.
Operative Therapie bei komplexen Verletzungen
Eine operative Behandlung ist bei isolierten Innenbandrissen nur selten erforderlich. Sie kommt vor allem dann in Betracht, wenn ein kompletter Riss mit ausgeprägter Instabilität vorliegt oder wenn zusätzliche Strukturen wie Kreuzbänder oder Menisken verletzt sind. Auch knöcherne Bandausrisse können eine operative Versorgung notwendig machen.
Im Rahmen der Operation wird das Band genäht oder rekonstruiert. Anschließend folgt eine strukturierte Rehabilitation, die sich an klar definierten Belastungsstufen orientiert. Ziel ist es, die Stabilität des Kniegelenks wiederherzustellen und eine sichere Rückkehr in Alltag und Sport zu ermöglichen.
Die Rolle der Physiotherapie
Die Physiotherapie ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung eines Innenbandrisses, unabhängig davon, ob konservativ oder operativ vorgegangen wird. In der Akutphase liegt der Fokus auf Schmerzlinderung, Abschwellung und kontrollierter Mobilisation. Manuelle Techniken, Lymphdrainage und dosierte Bewegungsübungen unterstützen den Heilungsprozess.
Im weiteren Verlauf werden gezielte Kräftigungsübungen für die Oberschenkel- und Hüftmuskulatur integriert. Diese Muskeln übernehmen eine wichtige stabilisierende Funktion für das Kniegelenk. Ergänzend kommen Koordinations- und Gleichgewichtsübungen zum Einsatz, um die neuromuskuläre Kontrolle zu verbessern.
Rehabilitation und Belastungsaufbau
Die Dauer der Rehabilitation hängt vom Schweregrad der Verletzung und der individuellen Belastbarkeit ab. In der Regel erstreckt sich der Rehabilitationsprozess über mehrere Wochen. Zu Beginn steht die sichere Wiederherstellung der Beweglichkeit im Vordergrund, gefolgt vom gezielten Kraftaufbau.
Im späteren Verlauf werden sportartspezifische Bewegungen integriert, um das Knie auf reale Belastungssituationen vorzubereiten. Eine zu frühe Rückkehr in den Sport kann das Risiko für erneute Verletzungen erhöhen, weshalb ein schrittweiser Belastungsaufbau entscheidend ist.
Prävention von Innenbandverletzungen
Zur Vorbeugung eines Innenbandrisses ist ein ausgewogenes Training der Bein- und Rumpfmuskulatur von großer Bedeutung. Eine gute muskuläre Kontrolle reduziert die Belastung auf passive Strukturen wie Bänder. Auch Koordinationstraining und regelmäßige Stabilisationsübungen tragen zur Verletzungsprävention bei.
Darüber hinaus spielt geeignetes Schuhwerk eine wichtige Rolle, insbesondere bei Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko. Ein strukturiertes Aufwärmprogramm vor sportlicher Belastung verbessert die Reaktionsfähigkeit des neuromuskulären Systems und kann das Verletzungsrisiko senken.
Fazit aus physiotherapeutischer Sicht
Ein Innenbandriss am Knie ist eine ernstzunehmende, aber in den meisten Fällen gut behandelbare Verletzung. Entscheidend für eine erfolgreiche Genesung sind eine frühzeitige Diagnose, eine individuell angepasste Therapie und eine konsequent durchgeführte Rehabilitation. Die Physiotherapie nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein, da sie nicht nur die Heilung unterstützt, sondern auch die Grundlage für eine langfristige Stabilität des Kniegelenks schafft.
Mit Geduld, professioneller Begleitung und einem strukturierten Belastungsaufbau können Betroffene ihre Mobilität vollständig zurückgewinnen und das Risiko zukünftiger Verletzungen deutlich reduzieren.
Wissenschaftliche Quellen
Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU): Leitlinie „Verletzungen des Kniegelenks – Bandverletzungen“, AWMF-Registernummer 033-004, zuletzt aktualisiert 2018.
Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU): Standardverfahren zur Diagnostik und Therapie von Kniebandverletzungen, Teil der S2k-Leitlinien Orthopädie und Unfallchirurgie.
Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin: Petersen W., Zantop T. „Verletzungen des medialen Seitenbandes des Kniegelenks – Diagnostik und Therapie“, Jahrgang 2013.
Zeitschrift für Orthopädie und Unfallchirurgie: Herbort M., Raschke M. „Konservative und operative Behandlung von Innenbandverletzungen des Knies“, 2016.
Brukner P., Khan K.: Klinische Sportmedizin, Kapitel Kniebandverletzungen, deutsche Ausgabe, Elsevier Verlag.
