Quadrizipssehnenruptur: Wie es passiert - Diagnose - Heilung

Quadrizipssehnenruptur: Wie es passiert - Diagnose - Heilung

Towfiqu barbhuiya Pexels

Sehnen sind die funktionellen Kraftüberträger des menschlichen Bewegungsapparates. Sie verbinden Muskel und Knochen und ermöglichen es, dass Muskelkontraktionen in gezielte Bewegung umgesetzt werden. Gerade im Bereich des Kniegelenks wirken enorme Kräfte, da hier Körpergewicht, Beschleunigung, Abbremsen und Richtungswechsel zusammentreffen. Die Quadrizepssehne nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein, da sie den kräftigsten Muskel des Körpers – den Musculus quadriceps femoris – mit der Kniescheibe verbindet.

Reißt diese Sehne, ist die Funktion des gesamten Streckapparates des Beins akut gestört. Die Quadrizepssehnenruptur gehört damit zu den schwerwiegenden Verletzungen des Kniegelenks, auch wenn sie im Vergleich zu Achillessehnen- oder Rotatorenmanschettenrupturen deutlich seltener auftritt.

Sehnen bestehen überwiegend aus parallel angeordneten kollagenen Faserbündeln, die eine hohe Zugfestigkeit aufweisen, jedoch nur begrenzt elastisch sind. Im Gegensatz zu Muskeln sind sie nur schwach durchblutet und werden hauptsächlich über Diffusion aus der umgebenden Gewebsflüssigkeit ernährt. Dieser Umstand erklärt, warum Sehnen nur langsam heilen und besonders empfindlich auf Überlastung, Degeneration oder Stoffwechselstörungen reagieren. Bereits ab dem dritten Lebensjahrzehnt beginnt eine altersbedingte Abnahme der Sehnenelastizität, begleitet von mikroskopischen Strukturveränderungen, die die Belastbarkeit herabsetzen können. Diese degenerativen Prozesse verlaufen lange unbemerkt, erhöhen aber das Risiko einer Ruptur erheblich.

Wann und warum Sehnen reißen

Sehnenrupturen entstehen selten durch ein einzelnes Ereignis allein. In den meisten Fällen treffen mehrere Faktoren zusammen: eine vorbestehende strukturelle Schwächung, eine plötzliche mechanische Überlastung und eine ungünstige Gelenkstellung. Bei Jugendlichen in der Pubertät kommt es gelegentlich zu sogenannten Ausrissverletzungen, bei denen nicht die Sehne selbst reißt, sondern ein knöcherner Anteil an der Ansatzstelle mit abbricht. Diese sogenannten Sleeve-Frakturen entstehen meist bei explosiven sportlichen Belastungen wie Sprints oder Sprüngen. Die Sehne ist in diesem Alter oft noch belastbarer als der wachsende Knochen.

Bei Erwachsenen liegt der Mechanismus anders. Hier reißt die Sehne selbst, häufig im Übergangsbereich zum Knochen. Besonders gefährdet sind sportlich aktive Menschen mittleren Alters, die plötzlich hohe Kräfte abrufen müssen, etwa beim Stolpern, Abrutschen oder Abfangen eines Sturzes. Die Muskelvorspannung und der tatsächlich notwendige Kraftaufwand stimmen in diesen Situationen nicht überein. Die resultierende Zugkraft überschreitet kurzfristig die Belastungsgrenze der Sehne – ein Riss ist die Folge.

Risikofaktoren und begünstigende Erkrankungen

Neben altersbedingten Veränderungen spielen systemische Erkrankungen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Sehnenrupturen. Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, chronisches Nierenversagen oder Adipositas verändern die Kollagenstruktur und beeinträchtigen die Regenerationsfähigkeit des Sehnengewebes. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen können die Sehne zusätzlich schwächen, ebenso wie langjährige Kortisontherapien oder der Missbrauch anaboler Steroide. Auch Infektionen, Tumorerkrankungen oder eine ausgeprägte Durchblutungsstörung können die Stabilität der Sehne erheblich reduzieren.

Diese Zusammenhänge machen deutlich, warum bei einer Quadrizepssehnenruptur immer eine sorgfältige internistische Abklärung erfolgen sollte. Die Verletzung ist in vielen Fällen nicht nur ein lokales Problem des Kniegelenks, sondern Ausdruck einer systemischen Belastung des Bindegewebes.

Die Quadrizepssehnenruptur – ein abruptes Ereignis

Die Quadrizepssehne verläuft vom Oberschenkelmuskel zur Oberkante der Kniescheibe und ist essenziell für die aktive Kniestreckung. Reißt sie, verliert der Patient schlagartig die Fähigkeit, das Bein aktiv zu strecken oder kontrolliert zu belasten. Typischerweise berichten Betroffene über einen plötzlichen, stechenden Schmerz oberhalb der Kniescheibe, oft begleitet von einem hör- oder fühlbaren „Knall“. Im Vergleich zu anderen Sehnenverletzungen wird der Schmerz häufig als besonders intensiv beschrieben.

Klinisch fällt eine sicht- oder tastbare Delle oberhalb der Patella auf, verursacht durch das Zurückziehen des Muskelbauchs. Gleichzeitig kann die Kniescheibe tiefer stehen als normal, da der Zug der Quadrizepssehne fehlt. Diese Veränderungen sind wichtige diagnostische Hinweise, sollten jedoch ausschließlich durch medizinisches Fachpersonal beurteilt werden.

Diagnostik: mehr als nur ein Blick aufs Knie

Die Diagnose einer Quadrizepssehnenruptur basiert auf der Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren. Die Palpation erlaubt oft bereits einen Verdacht, reicht jedoch nicht aus. Röntgenaufnahmen dienen primär dazu, knöcherne Begleitverletzungen auszuschließen. Die definitive Beurteilung des Sehnenstatus erfolgt mittels Sonographie oder Magnetresonanztomographie, die Ausmaß und Lokalisation des Risses exakt darstellen können.

Diese präzise Diagnostik ist entscheidend für die Wahl der Therapie, da sich Teilrupturen und vollständige Rupturen grundlegend unterscheiden.

Therapieentscheidung: konservativ oder operativ

Teilrupturen der Quadrizepssehne können in vielen Fällen konservativ behandelt werden. Eine Kombination aus entzündungshemmender Medikation, kontrollierter Entlastung und frühzeitiger physiotherapeutischer Betreuung ermöglicht häufig eine gute funktionelle Wiederherstellung. Voraussetzung ist, dass die aktive Kniestreckung noch möglich ist und keine relevante Instabilität besteht.

Bei vollständigen Rupturen ist eine operative Versorgung hingegen unumgänglich. Ohne Wiederherstellung der Sehnenkontinuität bleibt die Streckfunktion dauerhaft eingeschränkt. Der operative Eingriff erfolgt in der Regel zeitnah, um eine Retraktion der Sehne und sekundäre Komplikationen zu vermeiden.

Nachbehandlung: Geduld als entscheidender Faktor

Die postoperative Phase stellt für viele Patienten die größte Herausforderung dar. In den ersten sechs Wochen wird das Kniegelenk meist in einer Orthese ruhiggestellt, um die Sehnenheilung zu schützen. Gleichzeitig beginnt bereits in dieser Phase die physiotherapeutische Betreuung mit vorsichtigen Mobilisationsübungen, um eine Gelenkversteifung zu verhindern. Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen sind in dieser Zeit normal und erfordern eine eng abgestimmte Behandlung.

Mit zunehmender Heilung wird die Belastung schrittweise gesteigert. Ziel ist es, die Beweglichkeit des Kniegelenks zu erhalten, die umliegende Muskulatur zu aktivieren und langfristig die volle Belastbarkeit wiederherzustellen. Erst nach etwa zwölf Wochen ist die Grundstabilität erreicht, der vollständige Kraftaufbau kann jedoch deutlich länger dauern.

Die Rolle der Physiotherapie im Heilungsverlauf

Die physiotherapeutische Nachbehandlung ist ein zentraler Bestandteil der Rehabilitation nach einer Quadrizepssehnenruptur. Sie beginnt frühzeitig und begleitet den Patienten über Monate. Neben der Mobilisation des Kniegelenks liegt der Fokus auf der Wiederherstellung der neuromuskulären Kontrolle, der Koordination und der Belastbarkeit des gesamten Beinachsensystems. Dabei wird nicht nur das Knie isoliert betrachtet, sondern auch Hüfte, Sprunggelenk und Rumpfstabilität in das Behandlungskonzept einbezogen.

Eine enge Kommunikation zwischen Operateur, Physiotherapeut und Patient ist entscheidend, um Überlastungen zu vermeiden und den Heilungsverlauf optimal zu steuern.

Langfristige Prognose und Rückkehr in Alltag und Sport

Bei konsequenter Therapie und ausreichender Geduld ist die Prognose nach einer Quadrizepssehnenruptur in vielen Fällen gut. Die meisten Patienten erreichen eine stabile, schmerzfreie Funktion des Kniegelenks und können in ihren Alltag zurückkehren. Der Wiedereinstieg in sportliche Aktivitäten sollte jedoch erst nach vollständiger funktioneller Rehabilitation erfolgen und individuell angepasst werden.

Die Quadrizepssehnenruptur zeigt eindrücklich, wie wichtig Prävention, Muskelbalance und eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen Belastbarkeit sind. Sie ist selten ein Zufallsereignis, sondern häufig das Ergebnis eines länger bestehenden Ungleichgewichts im Bewegungsapparat.

physiotherapie
Physiotherapie
Portal mit Forum und Magazin: Alles über Physiotherapie, Krankengymnastik und Austausch von Physiotherapeuten und Patienten

0 Kommentare