Warum erleben wir in der Physiotherapie-Praxis wiederkehrende Spannungen in der Brustwirbelsäule?

Warum erleben wir in der Physiotherapie-Praxis wiederkehrende Spannungen in der Brustwirbelsäule?

andreas160578 Pixabay

Mit welcher Herausforderung werden wir im therapeutischen Alltag konfrontiert?

Betrachten wir das Haltungs- und Bewegungsmuster unserer heutigen Zivilisation, liegt das Grundproblem schon auf der Hand. Mangelnde Bewegung, eindimensionale Belastung, langes Sitzen, starres Blicken auf den Bildschirm, Die Liste ist lang und aus physiologischer Sicht eine Katastrophe.

Das Resultat begegnet uns zwangsläufig im Behandlungszimmer. Und dies ist keine Seltenheit. Ziehende Schmerzen hoch in den Nackenbereich, nervende Spannungen zwischen den Schulterblättern, Kopfschmerzen und Steifigkeit sind nur ein paar Symptome, mit denen sich der ein oder andere identifizieren kann.

Ratgeber, Tipps und Übungen dagegen anzugehen, gibt es in Hülle und Fülle. Lassen Sie uns mal in den ein oder anderen funktionell-anatomischen Aspekt reinschauen.

Grundlage der körperlichen Balance

Unser Körper kann in verschiedene funktionelle Bereiche eingeteilt werden, die in ständigem Informationsaustausch und wechselseitigem Einfluss zueinanderstehen. Dabei ist es von großer Bedeutung zu verstehen, dass sich die physiologische Wirbelsäulenkrümmung nur durch eine aufrechtstehende Haltung organisiert. Um das Funktionieren und Aufrechterhalten dieses Zustandes zu gewährleisten, sucht der Körper permanent einen Zustand des Gleichgewichts, der Ökonomie und des Komforts. Dies wird über sich anspannende und entspannende myofasciale Ketten bewerkstelligt.

Genau hier entsteht im Alltag das wiederkehrende BWS-Thema: Der Körper wählt nicht die „beste“ Haltung, sondern die, die sich im Moment am effizientesten anfühlt. Wenn der Brustkorb in sich steifer wird, die Schultergürtelmuskulatur „Sicherung“ spielt und die Halswirbelsäule den fehlenden Bewegungsanteil kompensiert, sind Spannungen keine Überraschung, sondern eine logische Folge. Für die Praxis bedeutet das: Wer nur lokal behandelt, trifft oft nur das Symptom; wer die Balance-Ketten versteht, findet Hebel, die nachhaltiger wirken.

Die Brustwirbelsäule als Einheit

Die Brustwirbelsäule stellt mit ihren 12. Brustwirbelkörper nur einen Ausschnitt der funktionellen Einheit dar. Die dazugehörigen Rippenpaare, sowie das Brustbein lassen sich nur didaktisch davon trennen. Dieser Ring aus Wirbel-Rippe-Brustbein steht in unmittelbarem wechselseitigem Einfluss zu sich selbst. Bedeutet vereinfacht, kann eine Rippe sich nicht physiologisch bewegen, hat das eine Auswirkung auf die Funktionsweise der angrenzenden Wirbel, der angrenzenden Rippen und des Brustbeins.

In der täglichen Untersuchung zeigt sich diese „Ring-Logik“ häufig sehr konkret: Patienten berichten, dass ein tiefer Atemzug „zieht“, Rotationen „haken“ oder ein Armheben auf einer Seite deutlich früher Spannung in den Schulterblättern erzeugt. Das sind klinische Hinweise darauf, dass nicht nur ein Segment „blockiert“, sondern dass der gesamte thorakale Bewegungsraum eingeschränkt ist. Die Konsequenz ist eine Verschiebung der Last: HWS, Schultergürtel und oft auch der lumbopelvine Bereich übernehmen Aufgaben, die eigentlich der Brustkorb dynamisch mittragen sollte.

Relation zum Organ- und Nervensystem

Die knöchernen Anteile dieser Region schützen zum einen lebenswichtige Organe wie Herz und Lunge, stellen aber zum anderen sicher, dass die Atmungs-, sowie die kardiovaskuläre Physiologie gut funktionieren können. Dazu bedarf es eine rhythmische Mobilität.

Einen direkten mechanischen Zusammenhang dieser Organe mit der Brustwirbelsäule kann über deren bandhaften Aufhängungsstrukturen am knöchernen Brustkorb gefunden werden. So gibt es beispielsweise Bänder, die vom Herzen zur Wirbelsäule , Zwerchfell und Brustbein ziehen, die für uns Physiotherapeuten und Osteopathen eine wichtige Rolle spielen.

Die besondere anatomische Relation zum Vegetativen Nervensystem im Verlauf der Brustwirbelsäule ist gerade für das heutzutage auftretende Haltungsbild elementar.

Der Truncus sympathicus (sympathische Grenzstrang), der zum vegetativen Nervensystem gehört, besteht aus 22-23 Ganglien (Nervenzellkerne), zieht von der Schädelbasis neben der Wirbelsäule bis zum Steißbein. Dabei befindet sich der Großteil der sympathischen Ganglien und Nervenfasern auf Höhe der Brustwirbelsäule. Durch diese Nervenzellkörper laufen Nervenfasern, die diese Ganglien Teils als Umschaltstation nutzen, um dann zu den einzelnen Organen weitergeleitet zu werden.

Die exakte Lokalisation der paravertebralen Ganglia thoracica (11-12 im Brustwirbelbereich gelegene Nervenzellkerne) ist nicht unwichtig. Eine mögliche Irritation kann aufgrund der nahen Positionierung zu den Rippenköpfchen, aufgrund z.B. einer Fehlstellung der BWS oder durch Wirbel/Rippenblockaden, entstehen. Das Vegetative Nervensystem gehört zu dem unwillkürlichen Nervensystem und steuert durch einen sympathischen, parasympathischen und enterischen Anteil die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen (u.a. Herzfrequenz, Atmung, Verdauung, Stoffwechsel).

Gerade deshalb sollten bestehende Beschwerden z.B. ein verstärkt wahrnehmbarer Herzschlag, Verdauungsprobleme oder Schlafstörungen, die ohne organisch pathologischen Befund bleiben, unbedingt auf eine Funktionstörung der BWS untersucht werden.

Betrachtet man alle Faktoren, besteht eine Brustwirbelsäule nicht nur aus zwölf sich biomechanisch bewegenden Wirbelkörpern, sondern stellt ein viel komplexeres Thema dar. Der enorme Einfluss unseres Organsystems auf das physiologische Funktionieren unserer Wirbelsäule durch die Fixierung unserer Viscera über Bänder an den knöchernen Anteilen einerseits, anderseits aber auch die enge Relation zum vegetativen Nervensystems, beinhaltet eine große Herausforderung in der Diagnostik von Funktionsstörungen der Brustwirbelsäule.

Warum die Beschwerden so „wiederkehrend“ wirken

Viele Patienten beschreiben BWS-Spannungen nicht als einmaliges Ereignis, sondern als ein Muster: Es wird besser, dann kommt es wieder; es lässt sich kurzfristig „wegdrücken“, kehrt aber nach Stress, Sitzphasen oder Schlafmangel zurück. Das ist klinisch plausibel, weil die auslösenden Faktoren häufig nicht primär strukturell, sondern systemisch und verhaltensgebunden sind: Atemmuster, Alltagsbelastung, Schutzspannung, monotone Positionen, geringe Variation von Bewegungsoptionen. Die BWS wird dabei zur Projektionsfläche eines Systems, das ständig in Ökonomie läuft und selten in echte Mobilität zurückfindet.

Therapeutisch lohnt es sich, dieses Muster offen zu benennen: Wiederkehrende Spannung ist nicht automatisch „kaputt“, sondern oft ein Signal für fehlende Bewegungsvielfalt, mangelnde thorakale Exkursion oder eine persistierende sympathische Aktivierung. Das entdramatisiert, schafft Compliance und öffnet den Raum für eine Strategie, die nicht nur „lösen“, sondern auch „halten“ kann.

Einfluss der Atmung

Wollen wir den Mechanismus hinter dem Auftreten von Symptomen, die mit der Brustwirbelsäule in Zusammenhang stehen ergründen, dürfen wir die Aktivität des Zwerchfells nicht ausser Acht lassen.

Ein möglicher Dynamikverlust des Zwerchfells, bedingt durch unsere heutige Lebensweise, kann gravierende Auswirkungen haben.

Beobachten Sie sich selbst. Wann atmen Sie im Alltag mal richtig tief durch? Unsere Atmung tendiert dahin äußerst flach zu werden. Der Bewegungsumfang während der Einatmung nach unten und während der Ausatmung nach oben scheint sehr oft reduziert zu sein.

Konsequenz, die Strukturen, die von der Brustwirbelsäule in direktem oder indirektem Kontakt mit dem Zwerchfell stehen, werden vermehrt unter Spannung gebracht. Geschweige denn von zirkulatorischen Einflüssen auf das Gefäß- und Nervensystem, welches durch das Zwerchfell hindurchläuft.

Dass dies zu muskulären Spannungszuständen im Brustwirbelbereich führen kann, die als Kompensationen des Bewegungsverlust des Zwerchfells aufgebaut werden, klingt nach einer durchaus plausiblen Möglichkeit.

In der Praxis ist die Atmung oft der schnellste „Diagnoseverstärker“: Wird die Spannung bei tiefer Einatmung reproduzierbar, verändert sie sich mit Tempo, Rhythmus oder Atemrichtung, oder verbessert sie sich, sobald der Patient in eine ruhigere, längere Ausatmung findet? Dann ist klar, dass wir nicht nur über Gelenkspiel sprechen, sondern über ein Zusammenspiel aus Druckverhältnissen, Tonusregulation und Bewegungsraum. Hier liegt ein großer Vorteil: Atemarbeit ist niedrigschwellig, lässt sich gut dosieren, und sie wirkt oft direkt auf Symptomwahrnehmung und Bewegungsqualität.

Befundlogik in der Praxis

Wenn wiederkehrende BWS-Spannungen vorgestellt werden, hilft eine klare Reihenfolge: erst Red Flags und neurologische Auffälligkeiten ausschließen, dann das Bewegungsmuster lesen. Sind Rotation und Extension thorakal eingeschränkt? Gibt es Lateralflexions-Asymmetrien? Wie verhalten sich Scapula, HWS und LWS bei Armhebung? Welche Rolle spielt die Rippenbeweglichkeit in In- und Exspiration? Viele „BWS-Patienten“ sind in Wahrheit Schultergürtel- oder Atem-Patienten, deren BWS den Preis bezahlt.

Auch Palpation und segmentale Tests können wichtig sein, aber die klinische Wahrheit liegt häufig in Funktionstests: Was passiert, wenn wir die Exspiration verlängern, den Blick vom Bildschirm (HWS-Extensoren!) lösen, den Brustkorb in eine sanfte Rotation bringen und gleichzeitig die Scapula gleiten lassen? Wenn Symptome sich unter funktioneller Veränderung zügig modulieren, ist das ein starkes Zeichen für die behandelbare Komponente.

Therapeutische Hebel ohne „Übungszirkus“

Viele Betroffene haben bereits „Übungen aus dem Internet“ probiert und sind frustriert, weil es kurzfristig hilft, aber nicht bleibt. Das ist kein Zeichen, dass Übungen „nichts bringen“, sondern dass Dosierung, Kontext und Ziel nicht passen. Bei wiederkehrender BWS-Spannung geht es selten um Maximalkraft, sondern um Bewegungsoptionen und Tonuswechsel: Mobilität dort, wo Bewegungsraum fehlt; Stabilität dort, wo Kompensation entsteht; und ein Nervensystem, das wieder zwischen Alarm und Ruhe unterscheiden kann.

In der Behandlung können manualtherapeutische Techniken, myofasziale Arbeit und rippenbezogene Mobilisation sinnvoll sein, aber sie sollten immer in eine aktive Anschlussstrategie münden. Sonst bleibt die Therapie „Reset“, während der Alltag sofort wieder „Freeze“ programmiert. Ein guter Minimal-Plan für Patienten ist oft: kurze, regelmäßige Bewegungsimpulse (Rotation/Extension), dosierte Atemsequenzen und eine kleine Alltagshygiene beim Sitzen. Nicht als Perfektion, sondern als Wiederholung.

Empfehlung

Lassen Sie sich von dem Physiotherapeuten Ihres Vertrauens eingehend untersuchen. Welcher Einfluss dominiert in der Entstehung Ihrer Probleme. Gibt es lokale Dysfunktionen im Rippen- Wirbelbereich, die gelöst werden müssen? Hat das Zwerchfell eine adäquate Mobilität?

Versuchen Sie dies in der Überlegung der Behandlungsstrategie einfließen zu lassen und verhelfen Sie sich wieder zu mehr Bewegungs- und Schmerzfreiheit.

Ein pragmatischer Ausblick für den Alltag

Damit es nicht bei der Erkenntnis bleibt, lohnt ein einfacher Perspektivwechsel: Die BWS will nicht „dauerhaft locker“ sein, sie will regelmäßig bewegt werden. Wer acht Stunden am Tag in einer reduzierten Thoraxposition arbeitet, darf nicht erwarten, dass zwei Minuten Dehnen das System umprogrammiert. Umgekehrt muss niemand seinen Alltag revolutionieren: Schon kleine, verteilte Bewegungsfenster, bewusste Atemwechsel und das Reduzieren von Daueranspannung im Schultergürtel sind oft genug, um die Häufigkeit und Intensität der Symptome spürbar zu senken. Das Ziel ist nicht „perfekte Haltung“, sondern ein Körper, der wieder Optionen hat.

Meta Title: Wiederkehrende Spannungen in der Brustwirbelsäule in der Physiotherapie verstehenMeta Description: Warum BWS-Spannungen häufig wiederkehren: Haltung, Atmung, Nervensystem und Rippenmechanik. Praktische physiotherapeutische Einordnung und Therapiehebel.Keywords: Brustwirbelsäule,BWS-Schmerzen,Spannungen zwischen Schulterblättern,Haltung,Sitzen,Atmung,Zwerchfell,myofasziale Ketten,Rippenblockade,Truncus sympathicus,vegetatives Nervensystem,Physiotherapie,Diagnostik,Rehabilitation
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