Achillessehnenentzündung – warum gerade diese Sehne so anfällig ist
Die Achillessehne ist die stärkste Sehne des menschlichen Körpers und zugleich eine der am häufigsten überlasteten. Sie verbindet die Wadenmuskulatur mit dem Fersenbein und überträgt bei jedem Schritt enorme Kräfte. Beim Gehen wirken bereits Kräfte, die ein Mehrfaches des Körpergewichts betragen, beim Laufen oder Springen steigen diese Belastungen deutlich an. Trotz ihrer Robustheit reagiert die Achillessehne empfindlich auf wiederholte Fehl- oder Überlastungen, insbesondere wenn Regeneration, Belastungssteuerung oder biomechanische Voraussetzungen nicht stimmen.
Eine Achillessehnenentzündung, medizinisch häufig als Achillodynie oder Tendinopathie bezeichnet, ist deshalb keine klassische Entzündung im engeren Sinne, sondern meist das Ergebnis struktureller Überlastungsprozesse im Sehnengewebe. Gerade diese Differenzierung ist entscheidend für eine erfolgreiche Therapie, da rein entzündungshemmende Maßnahmen allein häufig nicht ausreichen.
Typische Symptome und klinisches Erscheinungsbild
Die Beschwerden entwickeln sich meist schleichend. Anfangs treten Schmerzen entlang der Achillessehne nur nach Belastung auf, etwa nach längeren Gehstrecken, sportlicher Aktivität oder ungewohntem Training. Im weiteren Verlauf können die Schmerzen bereits zu Beginn der Bewegung auftreten oder während der Belastung zunehmen. Besonders charakteristisch ist die morgendliche Anlaufschmerzhaftigkeit, bei der sich die Sehne steif und unbeweglich anfühlt.
Häufig zeigen sich lokale Schwellungen oder eine spürbare Verdickung der Sehne, insbesondere im mittleren Sehnenabschnitt. Druckschmerz entlang des Sehnenverlaufs ist typisch. In fortgeschrittenen Fällen berichten Betroffene über Leistungseinbußen, verändertes Gangbild und eine zunehmende Schonhaltung, die wiederum andere Strukturen wie Knie, Hüfte oder Rücken belasten kann.
Ursachen und begünstigende Faktoren
Die Ursachen einer Achillessehnenentzündung sind meist multifaktoriell. Häufig liegt eine Überlastung vor, etwa durch Trainingsumfangssteigerung, unzureichende Regeneration oder monotone Belastungsmuster. Auch ungeeignetes Schuhwerk, insbesondere stark gedämpfte oder instabile Schuhe, kann die Belastungsverteilung ungünstig beeinflussen.
Biomechanische Faktoren wie eine eingeschränkte Sprunggelenksbeweglichkeit, verkürzte Wadenmuskulatur, Fußfehlstellungen oder eine reduzierte Becken- und Hüftstabilität spielen eine zentrale Rolle. Hinzu kommen systemische Faktoren wie zunehmendes Lebensalter, Stoffwechselerkrankungen oder eine verminderte Durchblutung des Sehnengewebes. Aus physiotherapeutischer Sicht ist entscheidend, diese Faktoren nicht isoliert, sondern im Gesamtbild zu betrachten.
Diagnostik: Mehr als nur Druckschmerz
Die Diagnostik einer Achillessehnenentzündung beginnt mit einer ausführlichen Anamnese. Dabei werden Belastungsverhalten, sportliche Aktivität, berufliche Anforderungen und bisherige Therapieversuche erfasst. In der körperlichen Untersuchung stehen Palpation, Beweglichkeitsprüfung und funktionelle Tests im Vordergrund. Besonders wichtig ist die Beurteilung der Wadenmuskulatur, des Sprunggelenks sowie der gesamten unteren Extremität.
Bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder Magnetresonanztomographie können strukturelle Veränderungen sichtbar machen, etwa Sehnenverdickungen, degenerative Veränderungen oder Mikroeinrisse. Sie dienen vor allem der Differenzierung und dem Ausschluss anderer Pathologien, ersetzen jedoch nicht die funktionelle Untersuchung.
Konservative Therapie als Standard
Die Behandlung der Achillessehnenentzündung erfolgt in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle konservativ. Zentrale Säule ist eine angepasste Belastungssteuerung. Absolute Ruhe ist selten sinnvoll, vielmehr geht es um eine kontrollierte Reduktion schmerzauslösender Aktivitäten bei gleichzeitiger Erhaltung der Belastbarkeit.
Physiotherapeutische Maßnahmen zielen darauf ab, die Belastung der Sehne langfristig zu normalisieren. Dazu gehören manuelle Techniken zur Verbesserung der Gewebequalität, Mobilisation des Sprunggelenks sowie eine gezielte Behandlung der Wadenmuskulatur. Schmerzreduzierende Maßnahmen können ergänzend eingesetzt werden, stehen aber nicht im Mittelpunkt der Therapie.
Exzentrisches Training und aktive Rehabilitation
Ein zentraler Bestandteil der evidenzbasierten Therapie ist das exzentrische Training der Wadenmuskulatur. Dabei wird die Muskulatur unter kontrollierter Verlängerung belastet, was nachweislich positive Anpassungsprozesse im Sehnengewebe auslösen kann. Entscheidend ist eine korrekte Ausführung, eine angemessene Dosierung und die schrittweise Progression.
Ergänzend werden funktionelle Übungen integriert, die das Zusammenspiel von Fuß, Sprunggelenk, Knie und Hüfte verbessern. Ziel ist es, die Kraftübertragung zu optimieren und Fehlbelastungen zu reduzieren. Eine isolierte Betrachtung der Achillessehne greift dabei zu kurz, da sie stets Teil einer komplexen Bewegungskette ist.
Rehabilitation und Rückkehr zur Belastung
Die Rehabilitation verläuft in Phasen. Nach der Reduktion akuter Beschwerden folgt der systematische Wiederaufbau der Belastbarkeit. Dabei werden Intensität, Umfang und Frequenz der Belastung gezielt gesteuert. Gerade bei sportlich aktiven Personen ist eine zu frühe Rückkehr in das gewohnte Trainingsniveau einer der häufigsten Gründe für Rückfälle.
Ein strukturierter Belastungsaufbau berücksichtigt individuelle Faktoren wie Trainingshistorie, berufliche Anforderungen und Regenerationsfähigkeit. Ziel ist nicht nur Schmerzfreiheit, sondern eine belastbare Sehne, die den Anforderungen des Alltags oder Sports langfristig standhält.
Prävention und langfristige Strategien
Die Prävention einer Achillessehnenentzündung beginnt mit einer realistischen Einschätzung der eigenen Belastbarkeit. Regelmäßige Bewegung, ausreichende Regeneration und eine ausgewogene Belastungsverteilung sind zentrale Faktoren. Auch die Pflege der Beweglichkeit und Kraft der gesamten unteren Extremität spielt eine entscheidende Rolle.
Aus physiotherapeutischer Sicht ist es sinnvoll, Belastungsänderungen schrittweise vorzunehmen und Warnsignale des Körpers ernst zu nehmen. Eine frühzeitige Anpassung kann verhindern, dass aus leichten Beschwerden chronische Sehnenprobleme entstehen.
Wissenschaftliche Quellen
Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU): Leitlinie „Achillessehnenerkrankungen“, AWMF-Registernummer 033-018, 2019.
Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP): Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie der Achillodynie im Sport.
Alfredson H.: Achillessehnenschmerzen – Pathophysiologie, Diagnostik und konservative Therapie. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 2011.
Maffulli N., Longo U.G.: Achillessehnentendinopathie – aktueller Stand der Therapie. Zeitschrift für Orthopädie und Unfallchirurgie, 2014.
Brukner P., Khan K.: Klinische Sportmedizin, Kapitel Achillessehne und Tendinopathien, deutsche Ausgabe, Elsevier Verlag.
