Bewegung ist ein zentrales Grundbedürfnis des Menschen – unabhängig vom Alter und unabhängig davon, ob jemand pflegebedürftig ist oder nicht. Dennoch profitieren viele Bewohnerinnen und Bewohner deutscher Pflegeheime nur unzureichend von gezielter Bewegungsförderung. Dabei zeigen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, dass selbst hochbetagte, multimorbide oder kognitiv eingeschränkte Menschen erhebliche funktionelle Reserven besitzen. Werden diese nicht genutzt, beschleunigt sich der körperliche Abbau, die Abhängigkeit nimmt zu und die Lebensqualität sinkt messbar. Bewegungsförderung im Pflegeheim ist deshalb keine optionale Zusatzleistung, sondern ein zentraler Bestandteil würdevoller Pflege.
Warum Bewegung im Pflegeheim so entscheidend ist
Mit zunehmendem Alter kommt es physiologisch zu Muskelabbau, verminderter Knochenfestigkeit, reduzierter Koordination und eingeschränkter kardiovaskulärer Leistungsfähigkeit. Dieser Prozess wird als Sarkopenie beschrieben und verläuft bei immobilen Menschen deutlich schneller. Pflegeheimbewohner sind hiervon besonders betroffen, da lange Sitzzeiten, passive Lagerung und ein sicherheitsorientierter Pflegealltag häufig zu Bewegungsvermeidung führen. Studien zeigen, dass bereits wenige Wochen eingeschränkter Aktivität zu einem messbaren Verlust an Muskelkraft führen, der sich im hohen Alter nur schwer wieder aufbauen lässt. Bewegungsförderung wirkt diesem Prozess entgegen, erhält Alltagskompetenzen und reduziert pflegebedingte Komplikationen.
Ungenutzte Potenziale bei pflegebedürftigen Menschen
Aktuelle Auswertungen aus Pflegeforschung und Geriatrie zeigen, dass ein erheblicher Teil der Pflegeheimbewohner körperlich mehr leisten könnte, als im Alltag abgerufen wird. Häufig werden Bewegungsfähigkeiten unterschätzt oder aus organisatorischen Gründen nicht gefördert. Dabei betrifft Bewegungsförderung nicht nur das klassische „Turnen“, sondern beginnt bei einfachen Aktivitäten wie selbstständigem Aufstehen, kurzen Gehstrecken, Transfers oder der aktiven Beteiligung an Pflegehandlungen. Schon diese alltäglichen Bewegungsimpulse haben nachweislich positive Effekte auf Muskelkraft, Gleichgewicht und Selbstwirksamkeit.
Bewegungsmangel als strukturelles Problem in Pflegeeinrichtungen
Der Mangel an Bewegungsförderung ist selten auf fehlenden guten Willen zurückzuführen. Vielmehr handelt es sich um ein strukturelles Problem. Pflegekräfte stehen unter hohem Zeitdruck, Personalschlüssel sind knapp, und Bewegungsförderung wird häufig nicht als pflegerische Kernaufgabe verstanden. Hinzu kommt, dass viele Einrichtungen unsicher sind, welche Konzepte tatsächlich wirksam sind. Der Markt bewegungsfördernder Programme ist unübersichtlich, und nicht jedes Angebot ist für hochbetagte oder stark eingeschränkte Menschen geeignet. Ohne klare evidenzbasierte Orientierung wird Bewegungsförderung häufig auf freiwillige Zusatzangebote reduziert.
Was aktuelle Studien zur Wirksamkeit zeigen
Internationale Studien aus der Geriatrie, Pflegewissenschaft und Physiotherapie zeigen übereinstimmend, dass strukturierte Bewegungsprogramme im Pflegeheim positive Effekte erzielen können. Besonders gut untersucht sind Kraft- und Gleichgewichtstrainings, alltagsnahe Bewegungsprogramme sowie individuell angepasste Mobilisationskonzepte. Selbst bei Menschen mit Demenz lassen sich Verbesserungen in Mobilität, Sturzrisiko und funktioneller Selbstständigkeit nachweisen, wenn Programme regelmäßig, angepasst und begleitet durchgeführt werden. Entscheidend ist dabei nicht die Intensität, sondern die Kontinuität und die individuelle Anpassung an die Fähigkeiten der Bewohner.
Bewegungsförderung bei kognitiven Einschränkungen
Lange Zeit galten Menschen mit fortgeschrittener Demenz als kaum trainierbar. Diese Annahme gilt heute als überholt. Studien zeigen, dass bewegungsbasierte Interventionen bei demenziell erkrankten Menschen nicht nur die körperliche Funktion stabilisieren, sondern auch positive Effekte auf Unruhe, Stimmung und Schlaf haben können. Besonders wirksam sind rhythmische, wiederkehrende Bewegungen, Gehübungen, Musik-unterstützte Aktivierungen und funktionelle Alltagsbewegungen. Voraussetzung ist eine angepasste Ansprache, eine sichere Umgebung und ausreichend Zeit für Wiederholung.
Die Rolle von Physiotherapie und aktivierender Pflege
Physiotherapeuten nehmen eine Schlüsselrolle bei der Bewegungsförderung im Pflegeheim ein. Sie sind in der Lage, individuelle Ressourcen zu erfassen, Bewegungsprogramme anzupassen und Pflegepersonal anzuleiten. Besonders wirksam sind Konzepte, bei denen physiotherapeutische Expertise mit aktivierender Pflege kombiniert wird. Ziel ist es, Bewegung nicht als isolierte Therapieeinheit zu verstehen, sondern als integralen Bestandteil des Pflegealltags. Jeder Transfer, jedes Aufstehen und jede Gehstrecke wird dabei als therapeutische Chance genutzt.
Warum viele Programme in der Praxis scheitern
Trotz guter wissenschaftlicher Grundlagen scheitern viele Bewegungsprogramme an der Umsetzung. Häufige Gründe sind mangelnde personelle Ressourcen, fehlende Schulung des Pflegepersonals, unzureichende Dokumentation und fehlende Verankerung im Einrichtungskonzept. Zudem werden Programme oft ohne ausreichende Anpassung an die Zielgruppe übernommen. Hochbetagte, multimorbide oder stark eingeschränkte Bewohner benötigen andere Ansätze als mobile Seniorengruppen. Erfolgreiche Bewegungsförderung erfordert deshalb konzeptionelle Klarheit, realistische Zielsetzungen und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Bewegung als Schlüssel zur Lebensqualität
Der Nutzen von Bewegungsförderung geht weit über körperliche Parameter hinaus. Bewegung verbessert das subjektive Wohlbefinden, stärkt das Gefühl von Autonomie und reduziert depressive Symptome. Für viele Pflegeheimbewohner bedeutet Bewegung auch soziale Teilhabe, Struktur im Tagesablauf und das Erleben von Selbstwirksamkeit. Studien zeigen, dass Einrichtungen mit konsequent umgesetzter Bewegungsförderung geringere Sturzraten, weniger Pflegeabhängigkeit und eine höhere Zufriedenheit der Bewohner aufweisen.
Perspektiven für die Pflegepraxis
Die Zukunft der Pflege erfordert ein Umdenken: Weg von einer rein versorgenden Pflege, hin zu einer aktivierenden, ressourcenorientierten Betreuung. Bewegungsförderung muss strukturell verankert, personell abgesichert und fachlich begleitet werden. Digitale Dokumentationssysteme, interprofessionelle Schulungen und evidenzbasierte Leitlinien können dabei unterstützen. Entscheidend ist jedoch eine Haltung, die Bewegung nicht als Risiko, sondern als Chance versteht.
Quellen (Auswahl, nachprüfbar): Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP): Bewegungsförderung in stationären Pflegeeinrichtungen, wissenschaftliche Übersichtsarbeiten; World Health Organization (WHO): Guidelines on physical activity and sedentary behaviour for older adults; Cochrane Database of Systematic Reviews: Exercise interventions in nursing home residents; Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG): Leitlinien zur Mobilitätsförderung im Alter; Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Pflegebericht und Präventionsstrategien im Alter.
