Physiotherapeutische Behandlung – unverzichtbar nach einer Fraktur

Physiotherapeutische Behandlung – unverzichtbar nach einer Fraktur

stevepb pixabay

Nicht nur beim Skifahren im Winter ist das Risiko für einen Knochenbruch erhöht. Frakturen zählen insgesamt zu den häufigsten Verletzungen des Bewegungsapparates und betreffen vor allem die Knochen der oberen und unteren Extremitäten. Unterarm-, Handgelenks-, Sprunggelenks- und Oberschenkelfrakturen gehören zu den klassischen Verletzungsmustern nach Stürzen oder Unfällen. Aber auch Wirbelkörper können durch äußere Gewalteinwirkung oder durch verminderte Knochenfestigkeit brechen. Besonders häufig treten Frakturen bei Menschen mit Osteoporose auf, da die verminderte Knochendichte die Stabilität des Skeletts erheblich reduziert. Unabhängig von Lokalisation und Ursache gilt jedoch: Die medizinische Versorgung endet nicht mit der operativen oder konservativen Stabilisierung des Knochens. Die physiotherapeutische Behandlung ist ein zentraler Bestandteil der Frakturversorgung und maßgeblich für die Wiederherstellung von Funktion, Belastbarkeit und Lebensqualität verantwortlich.

Was medizinisch unter einer Fraktur verstanden wird

Eine Fraktur bezeichnet die vollständige oder unvollständige Unterbrechung der knöchernen Kontinuität. Dabei reißt nicht einfach ein „hartes Material“, sondern ein biologisch aktives Gewebe, das sich ständig umbaut. Knochen unterliegen einem dynamischen Gleichgewicht aus Abbau und Aufbau, gesteuert durch Osteoklasten und Osteoblasten. Kommt es zu einer Fraktur, reagiert der Körper mit einem komplexen Heilungsprozess, der mehrere Phasen umfasst: Entzündungsphase, Reparaturphase mit Kallusbildung und Remodellierungsphase. Diese biologischen Prozesse benötigen nicht nur Zeit, sondern auch mechanische Reize, um strukturell belastbaren Knochen zu erzeugen. Genau an dieser Stelle setzt die Physiotherapie an.

Akutversorgung und medizinische Stabilisierung

Jede Fraktur sollte ärztlich abgeklärt und behandelt werden, unabhängig davon, ob es sich um einen kleinen Zehenbruch oder eine komplexe Mehrfragmentfraktur handelt. Moderne Frakturbehandlung verfolgt das Ziel, eine möglichst stabile Fixation bei gleichzeitiger frühzeitiger funktioneller Nachbehandlung zu erreichen. Während früher die Ruhigstellung im Gips über Wochen dominierte, kommen heute zunehmend operative Verfahren mit Platten, Schrauben, Nägeln oder externen Fixateuren zum Einsatz. Diese Methoden ermöglichen eine frühere Mobilisation, reduzieren Komplikationen wie Muskelabbau, Gelenkversteifung und Thromboserisiken und schaffen die Voraussetzung für eine zeitnahe physiotherapeutische Intervention.

Warum Immobilisation allein nicht ausreicht

Längere Ruhigstellung führt zwangsläufig zu Funktionsverlusten. Bereits nach wenigen Tagen ohne Bewegung beginnt die Muskulatur an Kraft und Querschnitt zu verlieren. Gleichzeitig verschlechtern sich Koordination, Gelenkbeweglichkeit und neuronale Ansteuerung. Auch das Herz-Kreislauf-System und der Stoffwechsel reagieren empfindlich auf Inaktivität. Bei älteren Patienten kann dies schnell zu einem Teufelskreis aus Unsicherheit, Sturzangst und weiterem Funktionsabbau führen. Die alleinige knöcherne Heilung ist daher kein ausreichendes Therapieziel. Entscheidend ist die Wiederherstellung der funktionellen Einheit aus Knochen, Gelenk, Muskulatur und Nervensystem.

Beginn der physiotherapeutischen Behandlung

Die physiotherapeutische Behandlung beginnt heute häufig bereits wenige Tage nach der operativen Versorgung oder sogar unmittelbar postoperativ. Voraussetzung ist eine ausreichende Stabilität der Fraktur und eine klare ärztliche Freigabe. In der Frühphase stehen schmerzarme Mobilisation, Atemtherapie, Kreislaufaktivierung und Maßnahmen zur Schwellungsreduktion im Vordergrund. Besonders bewährt hat sich die manuelle Lymphdrainage, um postoperative Ödeme zu reduzieren und den Abtransport von Gewebsflüssigkeit zu fördern. Eine reduzierte Schwellung verbessert nicht nur die Beweglichkeit, sondern wirkt sich auch positiv auf Schmerzempfinden und Wundheilung aus.

Erhalt der Beweglichkeit angrenzender Gelenke

Ein zentrales Ziel der Physiotherapie nach einer Fraktur ist die Mobilisation der angrenzenden Gelenke. Je nach Frakturlokalisation können diese Gelenke direkt oder indirekt in ihrer Funktion eingeschränkt sein. Wird beispielsweise der Unterarm ruhiggestellt, verlieren Schulter und Handgelenk schnell an Beweglichkeit. Frühzeitige passive und aktive Bewegungsübungen verhindern Verklebungen der Gelenkkapsel und beugen dauerhaften Bewegungseinschränkungen vor. Moderne osteosynthetische Verfahren erlauben es häufig, diese Mobilisation sicher durchzuführen, ohne die Frakturheilung zu gefährden.

Muskuläre Aktivierung und Vermeidung von Atrophie

Der Muskelerhalt ist ein weiterer Kernbereich der physiotherapeutischen Frakturbehandlung. Durch gezielte isometrische Spannungsübungen, aktive Bewegungen innerhalb der erlaubten Belastungsgrenzen und gegebenenfalls den Einsatz von Elektrotherapie lässt sich der Muskelabbau deutlich reduzieren. Zusätzlich wird zunehmend das Prinzip der sogenannten Cross Education genutzt: Durch Training der nicht verletzten Gegenseite kann der Kraftverlust auf der betroffenen Seite messbar reduziert werden. Diese neurophysiologischen Effekte sind wissenschaftlich gut belegt und insbesondere bei längeren Immobilisationsphasen von großer Bedeutung.

Belastungsaufbau und funktionelles Training

Mit fortschreitender Frakturheilung verlagert sich der Fokus der Physiotherapie zunehmend auf den gezielten Belastungsaufbau. Dabei werden Kraft, Koordination, Gleichgewicht und Ausdauer systematisch trainiert. Ziel ist es, alltagsrelevante Bewegungen wie Gehen, Greifen, Treppensteigen oder das sichere Aufstehen wiederherzustellen. Besonders bei Frakturen der unteren Extremität spielt das Gangtraining eine zentrale Rolle. Hier werden Fehlbelastungen korrigiert, Symmetrien geschult und das Vertrauen in die eigene Belastbarkeit wieder aufgebaut.

Spezielle Aspekte bei osteoporotischen Frakturen

Bei Frakturen infolge von Osteoporose ist die physiotherapeutische Betreuung besonders wichtig. Neben der lokalen Rehabilitation steht hier auch die Prävention weiterer Frakturen im Fokus. Krafttraining zur Verbesserung der Knochendichte, Gleichgewichtsschulung zur Sturzprophylaxe und edukative Maßnahmen zur Alltagsgestaltung sind feste Bestandteile der Therapie. Studien zeigen, dass gezieltes Training das Risiko weiterer Frakturen signifikant senken kann. Die Physiotherapie übernimmt hier eine Schlüsselrolle in der langfristigen Versorgung.

Psychologische Aspekte und Patientenedukation

Ein Knochenbruch ist für viele Patienten nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Belastung. Angst vor Schmerzen, Unsicherheit beim Belasten und Sorge vor bleibenden Einschränkungen sind häufige Begleiter. Physiotherapeuten haben durch den engen, regelmäßigen Kontakt eine besondere Möglichkeit, diese Ängste aufzufangen, realistische Ziele zu vermitteln und den Patienten aktiv in den Heilungsprozess einzubeziehen. Patientenedukation zu Belastungsgrenzen, Eigenübungen und langfristiger Prävention ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Langfristige Bedeutung der Physiotherapie nach Frakturen

Die physiotherapeutische Behandlung endet nicht mit der knöchernen Konsolidierung. Erst wenn Beweglichkeit, Kraft, Koordination und Belastbarkeit wiederhergestellt sind, gilt die Rehabilitation als abgeschlossen. Zahlreiche Studien belegen, dass Patienten mit strukturierter physiotherapeutischer Nachbehandlung schneller in den Alltag zurückkehren, weniger Folgeschäden entwickeln und langfristig eine höhere Lebensqualität erreichen. Die Physiotherapie ist damit keine ergänzende Maßnahme, sondern eine tragende Säule der modernen Frakturbehandlung.

Quellen: Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie: Leitlinien zur Frakturbehandlung; Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie: Rehabilitation nach Knochenbrüchen; Cochrane Database of Systematic Reviews: Physiotherapy after fracture management; IQWiG: Behandlung und Nachsorge bei Frakturen; WHO: Musculoskeletal Health and Rehabilitation.

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