Physiotherapie: Der Mensch ist nicht zum Sitzen gemacht

Physiotherapie: Der Mensch ist nicht zum Sitzen gemacht

Tima Miroshnichenko Pexels

„Die dümmste Erfindung in unserem westlichen Kulturkreis ist der Stuhl“, sagt der Anthropologe Dr. Günter Vogel, einer der profiliertesten Experten für menschliches Sitzverhalten. Eine provokante Aussage, die jedoch bei näherer Betrachtung erstaunlich gut zur medizinischen Realität passt. Trotz moderner Ergonomie, Hightech-Bürostühlen und höhenverstellbaren Schreibtischen verbringen Menschen in westlichen Industrienationen einen Großteil ihres Tages sitzend. Statistisch gesehen stehen jedem Westeuropäer rund fünfzig Sitzgelegenheiten zur Verfügung – von der Parkbank über den Bürostuhl bis hin zu Kirchen-, Theater- oder Verkehrssitzen. Sie alle werden intensiv genutzt. Die Folgen für den Bewegungsapparat sind gravierend.

Aktuelle arbeitsmedizinische Erhebungen zeigen, dass Erwachsene durchschnittlich rund vierzehn Stunden pro Tag sitzen. Damit ist Sitzen von einer kurzfristigen Ruheposition zu einem dominanten Dauerzustand geworden. Aus physiotherapeutischer und orthopädischer Sicht stellt dies eine fundamentale Fehlbelastung dar. Das Sitzen ist kein natürlicher Bewegungszustand des Menschen, sondern eine kulturell erlernte Haltung, die mit der biologischen Konstruktion des Körpers nur begrenzt vereinbar ist.

Der Mensch ist nicht zum Sitzen gemacht

Aus evolutionsbiologischer Perspektive ist der Mensch ein Bewegungsspezialist. Seine Wirbelsäule ist das Resultat eines langen Anpassungsprozesses vom vierbeinigen Primaten zum aufrecht gehenden Homo sapiens. Diese Entwicklung war biomechanisch ein Kompromiss. Die doppelt geschwungene Wirbelsäule ermöglicht zwar den aufrechten Gang, ist aber gleichzeitig anfällig für Fehlbelastungen. Sie ist auf regelmäßige Bewegung, Lastwechsel und muskuläre Aktivierung angewiesen. Dauerhaftes Sitzen widerspricht diesem Prinzip fundamental.

Beim Sitzen wird die natürliche Aufrichtung der Wirbelsäule aufgegeben. Die Lendenlordose flacht ab, der Brustkorb sinkt ein, der Kopf wandert nach vorne. Gleichzeitig wird die tiefe Rumpfmuskulatur, die eigentlich für Stabilität sorgen soll, nicht aktiviert, sondern passiv „abgelegt“. Je länger diese Haltung eingenommen wird, desto mehr verliert das neuromuskuläre System seine Fähigkeit zur aktiven Stabilisierung. Die Folge sind muskuläre Dysbalancen, segmentale Instabilitäten und langfristig degenerative Veränderungen.

Rückenschmerzen als Volkskrankheit

Die epidemiologischen Daten sind eindeutig. Rund achtzig Prozent aller Menschen in Deutschland leiden mindestens einmal im Leben an Rückenschmerzen. Bandscheibenerkrankungen gehören zu den häufigsten Diagnosen im stationären Bereich. Jährlich entstehen durch Rückenbeschwerden etwa fünfzig Millionen Arbeitsunfähigkeitstage. Rückenschmerzen sind damit nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein volkswirtschaftliches Problem.

Besonders problematisch ist, dass Rückenschmerzen häufig nicht durch akute Verletzungen entstehen, sondern durch jahrelange Fehlbelastung. Langes Sitzen ohne Ausgleichsbewegung führt zu einer Unterversorgung der Bandscheiben, zu muskulärer Ermüdung und zu einer verminderten Belastbarkeit des gesamten Stützapparates. Die Bandscheibe als gallertartiger Stoßdämpfer ist auf den Wechsel von Druck und Entlastung angewiesen. Fehlt dieser Wechsel, verschlechtert sich ihre Ernährung, was den degenerativen Prozess beschleunigt.

Bewegungsmangel beginnt im Kindesalter

Die Problematik des Sitzens beginnt nicht erst im Erwachsenenalter. Bereits Kinder verbringen einen Großteil ihres Tages sitzend. Schulunterricht, Hausaufgaben, Bildschirmmedien und Freizeitgestaltung führen dazu, dass Bewegung zunehmend verdrängt wird. Orthopädische Studien zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Schulkinder an altersgerecht gestalteten Möbeln sitzt. Fehlende Anpassung an Körpergröße und Bewegungsdrang führt frühzeitig zu Haltungsschwächen.

Professor Eduard Schmitt von der Universitätsklinik Homburg betont, dass die Entwicklung der kindlichen Wirbelsäule durch Bewegungsmangel nachhaltig beeinträchtigt wird. Kinder benötigen Bewegung, Positionswechsel und spontane Aktivität, um ein stabiles muskuläres Korsett zu entwickeln. Das sogenannte „Zappeln“ ist kein Störfaktor, sondern ein physiologisch notwendiger Regulationsmechanismus. Wird dieser unterdrückt, erhöht sich das Risiko für spätere Rückenprobleme erheblich.

Dynamisches Sitzen statt statischer Haltung

Für Erwachsene in sitzenden Berufen empfehlen Arbeitsmediziner und Physiotherapeuten das Konzept des dynamischen Sitzens. Dabei geht es nicht um die perfekte Sitzhaltung, sondern um den ständigen Wechsel von Positionen. Sitzen, Stehen, Gehen und kurze Bewegungspausen sollten sich regelmäßig abwechseln. Auch scheinbar „unorthodoxe“ Sitzpositionen wie Anlehnen, Zurücklehnen oder zeitweises Stuhlkantensitzen können sinnvoll sein, solange sie nicht dauerhaft eingenommen werden.

Der entscheidende Faktor ist Variation. Der Körper benötigt wechselnde Reize, um Strukturen zu erhalten und zu regenerieren. Monotonie ist der eigentliche Feind des Bewegungsapparates. Selbst ergonomisch optimierte Arbeitsplätze verlieren ihren Nutzen, wenn sie über Stunden hinweg ohne Positionswechsel genutzt werden.

Bewegung als physiologisches Grundbedürfnis

Die Bandscheibenversorgung erfolgt ausschließlich durch Diffusion. Nur durch Bewegung werden Nährstoffe aufgenommen und Stoffwechselprodukte abtransportiert. Gleiches gilt für Muskeln, Sehnen und Bänder. Bewegtes Sitzen, häufiges Aufstehen und kurze Gehstrecken aktivieren den Stoffwechsel und verbessern die Durchblutung.

Physiotherapeutische Konzepte setzen deshalb zunehmend auf aktive Strategien. Rückenschmerzen werden nicht primär als strukturelles Problem verstanden, sondern als Ausdruck eines Bewegungsdefizits. Ziel ist es, den Patienten wieder in die Bewegung zu bringen, statt ihn zu schonen. Passive Maßnahmen können kurzfristig entlasten, ersetzen aber keine aktive Stabilisation.

Sport als wirksame Prävention und Therapie

Neben bewegtem Alltag spielt sportliche Aktivität eine zentrale Rolle. Ausdauertraining wie Walking, Schwimmen oder Radfahren verbessert die Durchblutung und fördert die Grundlagenausdauer. Krafttraining stabilisiert die Wirbelsäule durch gezielten Muskelaufbau. Koordinative Übungen verbessern die neuromuskuläre Steuerung und reduzieren Fehlbelastungen.

Studien aus Rehabilitationszentren zeigen, dass über achtzig Prozent der Rückenpatienten durch strukturiertes Training innerhalb weniger Monate eine deutliche Beschwerdelinderung erreichen. In vielen Fällen können operative Eingriffe vermieden werden. Voraussetzung ist jedoch eine regelmäßige, individuell angepasste Durchführung unter fachlicher Anleitung.

Die Rolle der Physiotherapie

Physiotherapie nimmt eine Schlüsselrolle in der Prävention und Behandlung sitzbedingter Beschwerden ein. Sie vermittelt nicht nur Übungen, sondern auch Körperbewusstsein, Alltagsstrategien und ergonomische Prinzipien. Ziel ist es, Patienten langfristig zu befähigen, eigenverantwortlich mit ihrem Bewegungsapparat umzugehen.

Moderne Physiotherapie versteht sich nicht als reine Symptombehandlung, sondern als edukativer Prozess. Der Patient lernt, Belastungen zu erkennen, Bewegungsmuster zu verändern und Bewegung wieder als selbstverständlichen Teil des Alltags zu integrieren.

Quellen und wissenschaftliche Grundlagen

Quellen: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Sitzen und Bewegungsmangel im Arbeitsalltag; Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie: Rückenschmerzleitlinie; Robert Koch-Institut: Muskel-Skelett-Erkrankungen in Deutschland; Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention: Bewegung und Prävention von Rückenschmerzen; Breithecker D.: Haltungs- und Bewegungsförderung im Kindesalter; Schmitt E.: Orthopädische Prävention bei Kindern und Jugendlichen.

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