Volle Terminkalender, lange Wartelisten und Patienten, die teilweise mehrere Wochen nach einem freien Termin suchen: Eigentlich müsste 2027 ein hervorragender Zeitpunkt sein, eine eigene Physiotherapiepraxis zu eröffnen. Schließlich scheint Nachfrage mehr als genug vorhanden zu sein. Doch eine volle Warteliste macht noch keine wirtschaftlich erfolgreiche Praxis. Wer heute über den Schritt in die Selbstständigkeit nachdenkt, trifft auf eine Branche mit einem bemerkenswerten Widerspruch: Physiotherapie wird dringend gebraucht, gleichzeitig wird es schwieriger, genügend Fachkräfte zu finden und steigende Kosten über höhere Vergütungen aufzufangen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Physiotherapeuten Arbeit finden. Davon dürfte es genug geben. Viel interessanter ist die Frage, ob sich aus dieser Nachfrage unter den Bedingungen des Jahres 2027 noch ein wirtschaftlich attraktives Unternehmen aufbauen lässt.
Patienten zu finden dürfte nicht das größte Problem sein
Für viele andere Selbstständige beginnt die Existenzgründung mit der bangen Frage: Woher kommen meine Kunden? Eine neu eröffnete Physiotherapiepraxis hat zumindest grundsätzlich eine komfortablere Ausgangslage. Physiotherapeutische Leistungen werden nach Operationen, Verletzungen und bei zahlreichen akuten und chronischen Erkrankungen benötigt. Hinzu kommt eine alternde Bevölkerung, bei der Mobilität, Rehabilitation und der möglichst lange Erhalt der Selbstständigkeit eine immer größere Rolle spielen.
Das bedeutet nicht, dass jede neue Praxis automatisch ausgelastet ist. Standort, Konkurrenzsituation, ärztliche Verordnungen, Spezialisierung und der Ruf einer Praxis spielen weiterhin eine Rolle. Trotzdem liegt das unternehmerische Risiko in der Physiotherapie heute häufig nicht ausschließlich darin, genügend Patienten zu gewinnen.
Die schwierigere Frage kann vielmehr lauten: Wer behandelt sie?
168 Tage für eine offene Stelle
Wie angespannt der Arbeitsmarkt inzwischen ist, zeigen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Im Jahr 2025 standen in den Berufen der Physiotherapie bundesweit 5.563 gemeldeten Stellen 4.221 Arbeitsuchende gegenüber. Das entspricht lediglich 0,8 Arbeitsuchenden je gemeldeter Stelle. Die mediane Vakanzzeit lag bei 168 Tagen.
Für einen Praxisgründer verändert das die Rechnung erheblich. Wer zunächst allein arbeitet, kann eine wirtschaftlich überschaubare Praxis aufbauen. Doch der Umsatz bleibt zwangsläufig an die eigene Behandlungszeit gekoppelt. Irgendwann ist der Kalender voll. Mehr Patienten bedeuten dann nicht automatisch mehr Umsatz, sondern zunächst längere Wartelisten.
Wachsen kann die klassische Praxis vor allem dann, wenn weitere Therapeuten hinzukommen. Genau diese Mitarbeiter sind jedoch knapp. Praxisinhaber konkurrieren nicht nur mit der Physiotherapiepraxis zwei Straßen weiter, sondern auch mit Kliniken, Reha-Einrichtungen und anderen Arbeitgebern um dieselben Fachkräfte.
Wer Mitarbeiter möchte, muss als Arbeitgeber überzeugen
Der Fachkräftemangel verändert deshalb auch die Rolle des selbstständigen Physiotherapeuten. Fachlich gut behandeln zu können reicht spätestens mit dem ersten Angestellten nicht mehr aus. Aus dem Therapeuten wird zusätzlich ein Arbeitgeber.
Gehalt, Arbeitszeiten, Fortbildungsmöglichkeiten, Organisation, Terminplanung und Arbeitsklima können darüber entscheiden, ob eine Fachkraft überhaupt Interesse an einer Praxis hat und langfristig bleibt. Die Bundesagentur für Arbeit weist für die Berufe der Physiotherapie innerhalb von drei Jahren eine Zunahme des mittleren Entgelts von 18,7 Prozent aus. Das ist keine jährliche Steigerungsrate und lässt sich deshalb nicht direkt mit der Vergütungsentwicklung eines einzelnen Jahres vergleichen. Die Zahl zeigt aber, wie dynamisch sich die Personalkosten entwickelt haben.
Ein Praxisinhaber befindet sich damit in einer ungewohnten Situation: Patienten sind vorhanden, aber die Kapazität zur Behandlung lässt sich nicht beliebig erweitern.
2027 wird die Einnahmeseite gleichzeitig enger begrenzt
Genau in diese Situation fällt die Gesundheitsreform. Wie wir bereits in unserem Beitrag über das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und seine Folgen für die Physiotherapie beschrieben haben, wird die Entwicklung der Vergütungen wieder stärker begrenzt.
Für 2027 beträgt die maßgebliche Grundlohnrate nach dem gesetzlich vorgesehenen Abschlag 3,42 Prozent. Sie bildet eine Obergrenze für die Vergütungsverhandlungen und bedeutet nicht, dass jede physiotherapeutische Leistung automatisch um diesen Prozentsatz teurer vergütet wird.
Für einen Gründer ist das eine entscheidende Information. Miete, Gehälter, Versicherungen, Software, Energie und andere Betriebsausgaben folgen keiner solchen Obergrenze. Steigen die eigenen Kosten schneller als die Einnahmen aus GKV-Leistungen, muss die Praxis diese Differenz an anderer Stelle auffangen.
Eine eigene Praxis besteht nicht nur aus Behandeln
Hinzu kommt ein Punkt, der bei der Vorstellung von der eigenen Praxis leicht unterschätzt wird: Selbstständigkeit bedeutet nicht, acht Stunden Patienten zu behandeln und anschließend nach Hause zu gehen. Termine müssen organisiert, Verordnungen geprüft, Leistungen dokumentiert und abgerechnet werden. Dazu kommen Personalplanung, Buchhaltung, Versicherungen, Datenschutz, Hygiene, Einkauf und möglicherweise die Kommunikation mit Steuerberater, Krankenkassen und anderen Stellen.
Wer gesetzlich Versicherte behandeln und mit den Krankenkassen abrechnen möchte, benötigt außerdem die entsprechende Zulassung als Heilmittelerbringer. Dafür müssen unter anderem die vereinbarten persönlichen, räumlichen und sachlichen Voraussetzungen erfüllt werden. Die eigene Praxis ist deshalb nicht einfach ein Behandlungsraum mit Liege und Terminbuch.
Gerade für jemanden, der den Beruf wegen der Arbeit mit Menschen gewählt hat, kann die unternehmerische Seite eine Überraschung sein. Je größer die Praxis wird, desto mehr Zeit kann ausgerechnet für Tätigkeiten benötigt werden, die nichts mit der eigentlichen Behandlung zu tun haben.
Vielleicht muss eine erfolgreiche Praxis gar nicht groß sein
Genau hier könnte sich allerdings auch eine Chance verbergen. Das klassische Ziel „mehr Räume, mehr Mitarbeiter, mehr Patienten“ muss nicht für jeden Praxisinhaber das wirtschaftlich sinnvollste Modell sein.
Eine kleinere Praxis mit überschaubaren Fixkosten und sehr guter Auslastung kann Vorteile haben. Weniger Mitarbeiter bedeuten weniger Personalverwaltung und ein geringeres Risiko, wenn eine Stelle monatelang nicht besetzt werden kann. Spezialisierungen können zusätzlich helfen, ein klares Profil aufzubauen. Auch Privat- und Selbstzahlerleistungen können je nach Praxisangebot eine Rolle spielen, dürfen aber nicht als einfache Lösung für jedes wirtschaftliche Problem betrachtet werden.
Entscheidend ist letztlich nicht die Zahl der Behandlungsräume, sondern was nach allen Kosten und nach Berücksichtigung der eigenen Arbeitszeit übrig bleibt. Eine Praxis mit sechs Therapeuten ist nicht automatisch erfolgreicher als eine gut organisierte Praxis mit zwei oder drei.
Neugründung oder lieber eine bestehende Praxis übernehmen?
Auch die Frage, ob tatsächlich bei null begonnen werden muss, gehört in die Kalkulation. Bei einer Neugründung kann der Inhaber Räume, Ausstattung und Praxiskonzept weitgehend nach eigenen Vorstellungen gestalten. Dafür müssen Patientenstamm, Abläufe und Bekanntheit erst aufgebaut werden.
Eine Praxisübernahme kann dagegen bestehende Strukturen, Patienten und möglicherweise sogar Mitarbeiter mitbringen. Dafür übernimmt der Käufer unter Umständen auch Mietverträge, gewachsene Abläufe und eine Kostenstruktur, die nicht zu den eigenen Vorstellungen passt. Eine volle Terminliste allein sagt deshalb wenig über den wirtschaftlichen Wert einer Praxis aus.
Wer eine Übernahme erwägt, sollte sich nicht nur Umsatz und Patientenzahlen ansehen. Personalkosten, tatsächlicher Gewinn, Mietvertrag, Investitionsbedarf, Altersstruktur der Mitarbeiter und die Abhängigkeit der Patienten vom bisherigen Praxisinhaber können mindestens ebenso wichtig sein.
Selbstständigkeit kann sich lohnen – aber die Rechnung hat sich verändert
Die Ausgangslage für eine eigene Physiotherapiepraxis ist damit ungewöhnlich. Auf der einen Seite steht ein Beruf, dessen Leistungen stark nachgefragt werden und in dem Fachkräfte knapp sind. Auf der anderen Seite stehen steigende Personalkosten, organisatorischer Aufwand und ab 2027 ein engerer Rahmen für die Entwicklung der GKV-Vergütungen. Welche konkreten Veränderungen damit auf bestehende Praxen und Patienten zukommen, haben wir im Beitrag „Gesundheitsreform 2027: Was jetzt auf Physiotherapiepraxen und Patienten zukommt“ ausführlich betrachtet.
Das macht die Selbstständigkeit nicht automatisch unattraktiv. Wer gern eigenverantwortlich arbeitet, unternehmerische Entscheidungen treffen möchte und eine Praxis effizient organisiert, kann weiterhin gute Gründe für diesen Schritt haben. Der Fachkräftemangel kann sogar ein Vorteil sein, solange der Inhaber selbst behandelt: Die eigene Arbeitsleistung ist gefragt.
Schwieriger wird die Rechnung dort, wo Wachstum ausschließlich davon abhängt, immer mehr Therapeuten einzustellen. Dann wird aus der Suche nach Patienten schnell die Suche nach Mitarbeitern – und die kann heute deutlich länger dauern.
Vielleicht lautet die wichtigste Frage vor einer Praxisgründung 2027 deshalb nicht mehr: „Bekomme ich genügend Patienten?“ Sondern: „Welche Praxis möchte ich eigentlich aufbauen – und funktioniert dieses Modell auch dann noch, wenn ich sechs Monate lang keinen zusätzlichen Physiotherapeuten finde?“
