GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz: Warum die neuen Vergütungsregeln für die Physiotherapie Millionen Patienten treffen könnten

GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz: Warum die neuen Vergütungsregeln für die Physiotherapie Millionen Patienten treffen könnten

Tove Liu Pexels

Manche politische Entscheidungen tun nicht sofort weh. Sie brauchen etwas Zeit. Erst werden Zahlen in Tabellen verschoben, Vergütungen begrenzt und Finanzierungslücken rechnerisch geschlossen. Monate später warten Patienten länger auf Termine, Praxen finden keine Fachkräfte mehr und Therapeuten fragen sich, wie sie steigende Gehälter, Mieten, Energiepreise und Praxiskosten bezahlen sollen. Dann ist die Überraschung groß. Dabei war die Entwicklung keineswegs überraschend, sondern politisch beschlossen.

Der Bundestag hat das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz nach intensiver Debatte beschlossen. Einen Überblick über die parlamentarische Entscheidung bietet das Deutsche ÄrzteblattEs soll die angespannte Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung stabilisieren. Ein Teil dieser Stabilisierung soll offenbar dadurch erreicht werden, dass die Vergütungsentwicklung verschiedener Gesundheitsberufe begrenzt wird. Auch die Physiotherapie ist betroffen. Künftig sollen Vergütungssteigerungen wieder stärker an die sogenannte Grundlohnrate gekoppelt werden. In den Jahren 2027 bis 2029 ist sogar eine zusätzliche Begrenzung vorgesehen. Was sich nach einer technischen Rechengröße anhört, kann in der Praxis darüber entscheiden, ob Gehälter angemessen steigen, Stellen besetzt und Patienten zeitnah behandelt werden können.

Physiotherapie ist die Lösung – behandelt wird sie wie das Problem

Physiotherapie lindert Schmerzen, verbessert Beweglichkeit, erhält Selbstständigkeit und begleitet Menschen nach Operationen, Unfällen, Schlaganfällen oder schweren Erkrankungen zurück in den Alltag. Sie kann dazu beitragen, operative Eingriffe zu vermeiden oder hinauszuzögern, Arbeitsunfähigkeit zu verkürzen und Pflegebedürftigkeit zu verhindern. Trotzdem wird ausgerechnet dort gebremst, wo Folgekosten häufig vermieden werden.

Das deutsche Gesundheitssystem liebt sichtbare Leistungen. Eine Operation lässt sich zählen, abrechnen und dokumentieren. Ein Krankenhausaufenthalt erscheint zuverlässig in der Statistik. Eine vermiedene Operation dagegen hinterlässt kaum Spuren. Vielleicht liegt genau darin das Problem: Wer dank Physiotherapie nicht operiert wird, taucht in keiner Operationsstatistik auf und eignet sich schlecht für feierliche Sparbilanzen.

Dabei müsste die Logik eigentlich einfach sein. Wer frühzeitig Beweglichkeit erhält, Muskulatur aufbaut, Stürze verhindert oder chronische Schmerzen wirksam behandelt, kann spätere und oftmals deutlich teurere Behandlungen vermeiden. Trotzdem wird Prävention im Gesundheitssystem regelmäßig gelobt und anschließend finanziell so behandelt, als handele es sich um ein kostspieliges Hobby.

Was die Grundlohnsumme mit der Behandlung auf der Liege zu tun hat

Die Grundlohnrate beschreibt vereinfacht, wie stark die beitragspflichtigen Einnahmen der gesetzlich Versicherten wachsen. Steigen die Einkommen und damit die Beitragseinnahmen nur begrenzt, dürfen nach dieser Logik auch die Vergütungen bestimmter Leistungserbringer nur begrenzt wachsen. Das Problem: Die tatsächlichen Kosten einer physiotherapeutischen Praxis entwickeln sich nicht automatisch im gleichen Tempo.

Mieten können stärker steigen. Strom, Versicherungen, Fahrzeuge, Software, Datenschutz, Hygiene, Fortbildungen und Verwaltung werden teurer. Vor allem aber brauchen Praxen höhere Einnahmen, um qualifizierten Mitarbeitern bessere Gehälter zahlen zu können. Wird die Vergütung unabhängig von diesen realen Kosten begrenzt, entsteht eine Lücke. Diese Lücke lässt sich nicht wegmassieren. Irgendjemand muss sie tragen.

Praxisinhaber können versuchen, Kosten zu senken. Sie können Investitionen verschieben, Öffnungszeiten reduzieren oder auf notwendige Neueinstellungen verzichten. Sie können die Arbeitsbelastung erhöhen, bis auch der letzte motivierte Therapeut entdeckt, dass Idealismus zwar wärmt, aber keine Miete bezahlt. Am Ende trifft die Begrenzung deshalb nicht nur die Betriebe, sondern die gesamte Versorgung.

Die Gehälter sollen steigen – nur das Geld dafür offenbar nicht

Seit Jahren wird beklagt, dass Physiotherapeuten zu wenig verdienen. Politik, Krankenkassen und Verbände sind sich regelmäßig einig, dass der Beruf attraktiver werden müsse. Junge Menschen sollen für die Ausbildung gewonnen, erfahrene Fachkräfte im Beruf gehalten und Teilzeitkräfte zu mehr Stunden motiviert werden. Das klingt hervorragend. Nur leider lassen sich bessere Gehälter nicht durch Wertschätzungspostkarten finanzieren.

Die Vergütung der Praxen bildet die Grundlage für die Bezahlung der Beschäftigten. Werden Preissteigerungen gedeckelt, obwohl Personal- und Betriebskosten weiter steigen, geraten Gehaltsentwicklungen unter Druck. Dann entsteht eine bemerkenswerte politische Doppelbotschaft: Physiotherapeuten sollen besser bezahlt werden, ihre Arbeitgeber dürfen dafür aber möglichst keine höheren Einnahmen benötigen.

Vielleicht wird künftig ein neues therapeutisches Verfahren entwickelt: die Gehaltserhöhung ohne Geldfluss. Bis dahin bleibt es bei der unangenehmen wirtschaftlichen Realität, dass angemessene Löhne eine angemessene Vergütung voraussetzen.

Der Fachkräftemangel bekommt politische Unterstützung

Schon heute berichten viele Praxen von offenen Stellen, überlasteten Teams und langen Wartelisten. Der Fachkräftemangel ist kein theoretisches Zukunftsszenario, sondern längst im Alltag angekommen. Patienten telefonieren mehrere Praxen ab, Verordnungen können nicht rechtzeitig begonnen werden und Therapeuten arbeiten an ihrer Belastungsgrenze.

Wer in dieser Situation die wirtschaftlichen Spielräume der Praxen begrenzt, verschärft das Problem. Beschäftigte wechseln in andere Berufe, reduzieren ihre Stunden oder suchen Arbeitsplätze außerhalb der klassischen Patientenversorgung. Praxisgründungen werden unattraktiver, Nachfolger fehlen und kleinere Standorte können verschwinden. Besonders betroffen sind ländliche Regionen, in denen schon heute jeder geschlossene Behandlungsraum eine Versorgungslücke hinterlässt.

Schon heute berichten viele Praxen von offenen Stellen, überlasteten Teams und langen Wartelisten. Der Fachkräftemangel ist längst Realität und dürfte sich durch die neuen Vergütungsregelungen weiter verschärfen. Warum der Personalmangel nicht allein durch Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz gelöst werden kann, erläutern wir in unserem Beitrag über den Fachkräftemangel in der Physiotherapie.

Längere Wartezeiten sind keine abstrakte Nebenwirkung

Für Patienten bedeutet eine schlechtere Versorgung nicht nur Unbequemlichkeit. Wer nach einer Operation zu spät mit der Rehabilitation beginnt, kann Beweglichkeit verlieren. Wer mit akuten Rückenschmerzen wochenlang auf einen Termin wartet, riskiert eine Chronifizierung. Wer nach einem Schlaganfall nicht ausreichend behandelt wird, verliert möglicherweise Fähigkeiten, die sich später nur schwer oder gar nicht zurückgewinnen lassen.

Besonders hart trifft es ältere Menschen, chronisch Erkrankte, Kinder mit Entwicklungsstörungen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Diese Gruppen können Behandlungen nicht beliebig verschieben. Therapie ist für sie keine Wellnessleistung und kein angenehmer Zusatz, sondern ein wesentlicher Teil der medizinischen Versorgung.

Politisch lassen sich Wartelisten allerdings hervorragend verwalten. Solange der Patient wartet, verursacht er zunächst keine Behandlungskosten. Dass er später möglicherweise länger krankgeschrieben ist, stärkere Medikamente benötigt, operiert werden muss oder pflegebedürftig wird, erscheint dann in einer anderen Haushaltszeile. Dort kann man sich anschließend erneut über steigende Ausgaben wundern.

Gespart wird heute, bezahlt wird morgen

Physiotherapie wirkt häufig dort, wo kleine Fortschritte große Folgen haben. Eine verbesserte Beinkraft kann einen Sturz verhindern. Ein gezieltes Training kann bei Arthrose die Belastbarkeit erhöhen und eine Operation hinauszögern. Atemphysiotherapie kann Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen. Nach Gelenkersatz, Unfall oder neurologischer Erkrankung entscheidet die Qualität der Rehabilitation mit darüber, wie selbstständig ein Mensch künftig leben kann.

Wer diese Leistungen schwächt, beseitigt keine Kosten. Er verschiebt sie. Ein nicht finanzierter Therapietermin kann später zu Arzneimittelkosten, Krankengeld, Krankenhausbehandlung, Operation, Reha oder Pflege führen. Das ist keine Einsparung, sondern finanzpolitisches Versteckspiel. Die Rechnung bleibt bestehen – sie wird nur in einen Umschlag gesteckt, auf dem „später“ steht.

Besonders widersprüchlich ist die Entscheidung angesichts einer alternden Bevölkerung. Der Bedarf an physiotherapeutischen Leistungen wird nicht sinken. Mehr Menschen leben mit Arthrose, neurologischen Erkrankungen, künstlichen Gelenken, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Einschränkungen nach Operationen. Gleichzeitig soll die ambulante Versorgung stärker dazu beitragen, Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Man erwartet also mehr Leistung, mehr Verantwortung und bessere Ergebnisse – nur bitte mit begrenzten Einnahmen.

Praxen sind keine Gelddruckmaschinen

In der öffentlichen Debatte entsteht gelegentlich der Eindruck, steigende Heilmittelausgaben bedeuteten automatisch, dass Praxen übermäßig profitierten. Dabei wird übersehen, dass höhere Ausgaben auch mit steigenden Behandlungszahlen, angehobenen Vergütungen nach Jahren der Unterfinanzierung, zusätzlichen Aufgaben und höheren Betriebskosten zusammenhängen können.

Physiotherapiepraxen benötigen Räume, Trainingsgeräte, Behandlungsliegen, digitale Infrastruktur, hygienische Ausstattung und qualifiziertes Personal. Hinzu kommen Dokumentation, Abrechnung, Fortbildung und organisatorische Aufgaben, die nicht immer vollständig vergütet werden. Wer nur auf die Gesamtausgaben blickt, ohne den Versorgungsbedarf und die Kostenstruktur zu berücksichtigen, könnte ebenso feststellen, dass Feuerwehren Geld kosten – und daraus schließen, man müsse Brände günstiger löschen.

Natürlich müssen auch physiotherapeutische Leistungen wirtschaftlich, wirksam und nachvollziehbar erbracht werden. Transparenz und Qualitätssicherung sind berechtigt. Doch pauschale Vergütungsbegrenzungen ersetzen keine Strukturreform. Sie sind die gesundheitspolitische Variante davon, bei leuchtender Motorkontrolllampe das Birnchen herauszudrehen.

Die Versorgungskrise beginnt nicht erst bei der geschlossenen Praxis

Eine Praxis muss nicht vollständig schließen, damit Patienten die Folgen spüren. Es reicht, wenn weniger neue Patienten aufgenommen werden, Hausbesuche reduziert, Randzeiten gestrichen oder spezialisierte Leistungen nicht mehr angeboten werden. Es reicht, wenn erfahrene Therapeuten den Beruf verlassen und Berufsanfänger feststellen, dass Verantwortung und Vergütung weiterhin in einem bemerkenswert lockeren Verhältnis zueinander stehen.

Die Versorgung verschlechtert sich schrittweise. Erst beträgt die Wartezeit zwei Wochen, dann vier, später acht. Zunächst findet sich noch jemand für einen Hausbesuch, später nicht mehr. Eine Praxis schließt, die nächste übernimmt einen Teil der Patienten und ist kurz darauf ebenfalls überlastet. Jede einzelne Veränderung wirkt klein. Zusammengenommen entsteht ein System, in dem eine ärztliche Verordnung noch lange keine zeitnahe Behandlung garantiert.

Gesundheitspolitik braucht mehr als kurzfristige Buchhaltung

Die Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung sind real. Einnahmen und Ausgaben müssen langfristig in ein tragfähiges Verhältnis gebracht werden. Doch nicht jede Ausgabe ist gleich zu bewerten. Leistungen, die Selbstständigkeit erhalten, Krankheitsverläufe verbessern und teure Folgebehandlungen vermeiden können, dürfen nicht ausschließlich als Kostenblock betrachtet werden.

Eine nachhaltige Reform müsste untersuchen, wo Überversorgung entsteht, welche Strukturen unnötige Ausgaben verursachen und wie ambulante Prävention, Rehabilitation und Eigenverantwortung gestärkt werden können. Sie müsste den tatsächlichen Personal- und Kostenbedarf der Praxen berücksichtigen und Vergütung mit Qualität, Versorgungssicherheit und realen wirtschaftlichen Bedingungen verbinden.

Stattdessen wird ein Deckel aufgesetzt und gehofft, dass darunter niemand die Luft verliert. Das mag kurzfristig eine Finanzkurve glätten. Es löst aber weder den Fachkräftemangel noch die demografische Entwicklung und verbessert keinen einzigen Behandlungstermin.

Wer Physiotherapie schwächt, stärkt die Folgekosten

Physiotherapie ist nicht das Problem, das gelöst werden muss. Sie ist ein Teil der Lösung für ein Gesundheitssystem, das immer mehr chronisch kranke und ältere Menschen versorgen muss. Sie hält Menschen beweglich, arbeitsfähig und selbstständig. Sie unterstützt Rehabilitation, verhindert Komplikationen und kann dazu beitragen, kostspielige Eingriffe zu vermeiden.

Wer an dieser Stelle spart, spart nicht wirklich. Er verlagert Kosten, verschärft den Fachkräftemangel und verlängert Wartelisten. Am Ende zahlen Praxen, Beschäftigte und Krankenkassen – vor allem aber die Patienten.

Eine vermiedene Operation mag in keiner Bilanz glänzen. Ein verhinderter Sturz bekommt keinen eigenen Haushaltsansatz. Ein Patient, der dank Physiotherapie wieder arbeiten kann, wird nicht mit einem politischen Festakt begrüßt. Trotzdem liegt genau darin der Wert dieser Versorgung.

Der Bundestag hat beschlossen, die finanziellen Spielräume enger zu machen. Die Physiotherapieverbände und Praxen werden nun dafür kämpfen müssen, dass daraus keine Versorgungskrise wird. Denn wenn der letzte freie Termin vergeben, die letzte Fachkraft abgewandert und die nächste Praxis geschlossen ist, wird man feststellen: Das Gesundheitssystem hat zwar an der Physiotherapie gespart – nur leider nicht an den Krankheiten.

Hinweis: Dieser Beitrag ordnet die möglichen Folgen der beschlossenen Vergütungsbegrenzungen aus physiotherapeutischer und versorgungspolitischer Sicht ein.

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