Noch in den Kinderschuhen: Physiotherapie bei ADHS als Therapiekonzept nutzen?

Noch in den Kinderschuhen: Physiotherapie bei ADHS als Therapiekonzept nutzen?

Guduru Ajay bhargav Pexels

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, bei denen eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit oder ohne Hyperaktivität diagnostiziert wird, hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Parallel dazu hat sich nicht nur das öffentliche Bewusstsein verändert, sondern auch die therapeutische Landschaft. Während medikamentöse und psychotherapeutische Ansätze heute fest etabliert sind, rückt zunehmend die Frage in den Fokus, welche Rolle der Körper, die Bewegung und die Regulation des Nervensystems bei ADHS spielen. In diesem Zusammenhang gewinnt die Physiotherapie als ergänzendes Therapiekonzept langsam an Aufmerksamkeit, auch wenn sie bislang noch nicht flächendeckend eingesetzt wird.

ADHS und ADS im Spannungsfeld zwischen Diagnose und Alltag

ADHS und ADS werden heute als neurobiologische Entwicklungsstörungen verstanden, die sich durch Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und – bei ADHS – durch eine ausgeprägte motorische Unruhe äußern können. Die Ausprägung ist dabei äußerst heterogen. Während einige Kinder vor allem durch motorische Hyperaktivität auffallen, zeigen andere eher eine innere Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten oder Probleme mit der emotionalen Selbstregulation. Diese Vielfalt erschwert nicht nur die Diagnostik, sondern auch die Wahl geeigneter therapeutischer Maßnahmen.

Kritik an der steigenden Zahl der Diagnosen richtet sich weniger gegen das Störungsbild selbst als gegen die Gefahr einer vorschnellen Etikettierung. Kinder reagieren sensibel auf ihre Umwelt, auf schulische Anforderungen, familiäre Belastungen und soziale Strukturen. Nicht jedes auffällige Verhalten ist automatisch Ausdruck einer neurobiologischen Störung. Gleichzeitig darf nicht übersehen werden, dass unbehandelte ADHS-Symptome erhebliche Auswirkungen auf Bildungslaufbahn, Selbstwertgefühl und soziale Integration haben können. Vor diesem Hintergrund gewinnt ein differenzierter, multimodaler Behandlungsansatz an Bedeutung.

Neurobiologische Grundlagen und Selbstregulation

Aus heutiger Sicht liegt ADHS eine veränderte Regulation neuronaler Netzwerke zugrunde, insbesondere in jenen Hirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Handlungsplanung, Impulskontrolle und emotionale Steuerung verantwortlich sind. Dabei spielen Neurotransmitter wie Dopamin und Noradrenalin eine zentrale Rolle. Diese Botenstoffe beeinflussen nicht nur kognitive Prozesse, sondern auch motorische Aktivität, Motivation und Stressverarbeitung.

Entscheidend ist, dass Selbstregulation nicht ausschließlich ein kognitiver Prozess ist. Sie ist eng mit dem Körper verknüpft. Muskelspannung, Atmung, Gleichgewicht, Körperwahrnehmung und vegetative Regulation beeinflussen, wie gut ein Kind Reize filtern, sich fokussieren und emotional stabilisieren kann. Genau an dieser Schnittstelle setzt die physiotherapeutische Perspektive an.

Körperliche Auffälligkeiten bei Kindern mit ADHS

Viele Kinder mit ADHS zeigen neben den bekannten Aufmerksamkeitsproblemen auch motorische Besonderheiten. Dazu zählen eine eingeschränkte Koordinationsfähigkeit, Gleichgewichtsstörungen, ein erhöhter Muskeltonus oder im Gegenteil eine instabile Haltemuskulatur. Häufig fällt eine mangelnde Körperwahrnehmung auf: Bewegungen wirken unkoordiniert, dosieren Kraft unzureichend oder haben Schwierigkeiten, Ruhepositionen einzunehmen.

Diese körperlichen Auffälligkeiten sind nicht nur Begleiterscheinungen, sondern können das Alltagsverhalten zusätzlich beeinflussen. Ein Kind, das seinen Körper schlecht spürt, hat größere Schwierigkeiten, innere Spannungszustände wahrzunehmen und zu regulieren. Daraus können Unruhe, impulsives Verhalten oder emotionale Überreaktionen entstehen, die fälschlicherweise ausschließlich psychisch interpretiert werden.

Warum Bewegung mehr ist als Auslastung

Bewegung wird im Umgang mit ADHS häufig als Ventil verstanden, um überschüssige Energie abzubauen. Dieser Ansatz greift jedoch zu kurz. Zielgerichtete Bewegung wirkt nicht nur auf die Muskulatur, sondern moduliert das zentrale Nervensystem. Über propriozeptive Reize, vestibuläre Stimulation und rhythmische Bewegungsabläufe werden neuronale Netzwerke aktiviert, die für Aufmerksamkeit, Gleichgewicht und Selbststeuerung relevant sind.

Im Gegensatz zu unstrukturiertem Toben zielt physiotherapeutische Bewegung darauf ab, Ordnung in das Bewegungssystem zu bringen. Kinder lernen, Spannungszustände wahrzunehmen, Bewegungen bewusst zu steuern und Übergänge zwischen Aktivität und Ruhe zu gestalten. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht isoliert trainieren, sondern entstehen über wiederholte körperliche Erfahrungen.

Physiotherapie als ergänzender Therapiebaustein

Physiotherapie versteht sich bei ADHS nicht als Ersatz etablierter Behandlungsformen, sondern als ergänzender Ansatz innerhalb eines multimodalen Konzepts. Ziel ist es, körperliche Funktionsstörungen zu erkennen und gezielt zu behandeln sowie die Körperwahrnehmung und Selbstregulation zu fördern. Dabei stehen nicht einzelne Symptome im Vordergrund, sondern das Zusammenspiel von Motorik, Wahrnehmung, Atmung und emotionaler Stabilität.

Physiotherapeutische Interventionen können beispielsweise Gleichgewichtstraining, Koordinationsübungen, Haltungsschulung, Atemarbeit und spielerische Bewegungsaufgaben umfassen. Entscheidend ist die individuelle Anpassung an das jeweilige Kind. Überforderung wirkt kontraproduktiv, während ein angemessen dosierter Reiz Sicherheit und Erfolgserlebnisse vermittelt.

Auswirkungen auf Konzentration und Verhalten

Beobachtungen aus der Praxis zeigen, dass Kinder nach physiotherapeutischen Einheiten häufig ruhiger, fokussierter und emotional ausgeglichener wirken. Diese Effekte sind nicht als kurzfristige Beruhigung zu verstehen, sondern als Ausdruck einer verbesserten Selbstwahrnehmung. Wer den eigenen Körper besser spürt, kann Reize differenzierter verarbeiten und angemessener darauf reagieren.

Besonders relevant ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Kinder erleben, dass sie ihren Körper steuern können, Einfluss auf ihre innere Spannung haben und nicht permanent von äußeren Reizen überwältigt werden. Diese Erfahrung stärkt das Selbstvertrauen und kann sich positiv auf schulisches Lernen und soziale Interaktionen auswirken.

Wissenschaftliche Perspektiven und Studienlage

Die wissenschaftliche Datenlage zur Physiotherapie bei ADHS ist noch begrenzt, wächst jedoch kontinuierlich. Einzelne Studien und Pilotprojekte deuten darauf hin, dass gezielte Bewegungstherapie positive Effekte auf Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und motorische Fähigkeiten haben kann. Besonders untersucht werden derzeit Zusammenhänge zwischen vestibulärer Stimulation, Gleichgewichtstraining und exekutiven Funktionen.

Forschungsprojekte an Universitäten befassen sich zunehmend mit der Frage, wie sensorisch-motorische Interventionen auf neuronaler Ebene wirken. Dabei wird angenommen, dass wiederholte körperliche Reize langfristige Anpassungen in neuronalen Netzwerken fördern können. Diese Hypothesen müssen weiter überprüft werden, liefern jedoch eine plausible neurophysiologische Grundlage.

Grenzen und verantwortungsvoller Einsatz

Trotz vielversprechender Ansätze ist es wichtig, die Grenzen der Physiotherapie klar zu benennen. ADHS ist eine komplexe Störung mit biologischen, psychischen und sozialen Einflussfaktoren. Physiotherapie allein kann diese nicht vollständig behandeln. Sie ersetzt weder eine fundierte Diagnostik noch andere therapeutische Maßnahmen.

Ihr Potenzial liegt in der Ergänzung: als unterstützender Baustein, der körperliche Ressourcen stärkt und damit andere Therapieformen sinnvoll ergänzt. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Pädagogen und Physiotherapeuten ist dabei entscheidend.

Bedeutung für Eltern und Umfeld

Für Eltern bietet die physiotherapeutische Perspektive einen entlastenden Blickwinkel. Das Verhalten des Kindes wird nicht ausschließlich als Problem verstanden, sondern als Ausdruck eines Nervensystems, das Unterstützung bei der Regulation benötigt. Eltern lernen, körperliche Signale besser zu deuten und Bewegung gezielt in den Alltag zu integrieren.

Auch im schulischen Kontext kann dieses Verständnis hilfreich sein. Kinder profitieren von bewegungsfreundlichen Lernumgebungen, klaren Strukturen und regelmäßigen sensorischen Pausen. Physiotherapie kann Impulse liefern, wie solche Elemente sinnvoll gestaltet werden können.

Ausblick

Physiotherapie bei ADHS steht trotz wachsender Aufmerksamkeit noch am Anfang ihrer Entwicklung. Die bisherigen Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass der Körper ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis und zur Behandlung der Störung ist. Je besser es gelingt, Bewegung, Wahrnehmung und Selbstregulation miteinander zu verknüpfen, desto größer ist das Potenzial für nachhaltige Verbesserungen.

Langfristig könnte die Physiotherapie dazu beitragen, therapeutische Konzepte ganzheitlicher zu gestalten und Kinder nicht nur kognitiv, sondern auch körperlich in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Voraussetzung dafür sind weitere Forschung, klare Qualitätsstandards und eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit.

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