Physiotherapie mit Alltagshilfe: wichtiger Bestandteil der Therapie bei Multipler Sklerose!

Physiotherapie mit Alltagshilfe: wichtiger Bestandteil der Therapie bei Multipler Sklerose!

Judita Mikalkevičė Pexels

Schwer krank mit Anfang 20 – der Ausbruch einer Multiplen Sklerose betrifft häufig junge Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Auch Kinder oder Menschen über 40 können unter Multipler Sklerose erkranken, was aber seltener vorkommt. Die Multiple Sklerose ist weltweit betrachtet die zweithäufigste neurologische Erkrankung und die häufigste bei Menschen unter 40 Jahren. Bis heute ist die Ursache der Erkrankung nicht geklärt. Die Folgen sind jedoch potenziell schwerwiegend und reichen von sensiblen Störungen über Einschränkungen der Mobilität bis hin zu einer deutlichen Reduktion der Selbstständigkeit.

Die Therapie der Multiplen Sklerose kann die Krankheit zwar nicht heilen, aber ihren Verlauf verlangsamen und Symptome lindern. Der Physiotherapie kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu, da sie gezielt auf Bewegung, Stabilität, Koordination und Alltagstauglichkeit einwirkt.

Multiple Sklerose als Erkrankung des zentralen Nervensystems

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Das Immunsystem richtet sich dabei gegen körpereigene Strukturen, insbesondere gegen die Myelinscheiden der Nervenfasern. Diese Isolierschichten sind entscheidend für eine schnelle und präzise Weiterleitung von Nervenimpulsen. Werden sie geschädigt, kommt es zu verzögerten oder fehlerhaften Signalen zwischen Gehirn, Rückenmark und Muskulatur. Die Folge sind Symptome wie Muskelschwäche, Spastiken, Koordinationsstörungen, Sensibilitätsstörungen, Fatigue oder Sehstörungen. Der Verlauf der Erkrankung ist individuell sehr unterschiedlich und reicht von milden, schubweisen Verläufen bis hin zu kontinuierlich fortschreitenden Einschränkungen.

Therapieziele jenseits der Heilung

Da Multiple Sklerose bislang nicht heilbar ist, liegt der Fokus der Therapie auf dem Erhalt von Funktionen und Lebensqualität. Neben der medikamentösen Basis- und Schubtherapie spielt die nicht-medikamentöse Begleitung eine entscheidende Rolle. Ziel ist es, vorhandene Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten, Kompensationsmechanismen zu vermeiden und Patienten in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen. Physiotherapie ist dabei kein ergänzendes Angebot, sondern ein tragender Bestandteil des Gesamtkonzepts, insbesondere bei motorischen und funktionellen Einschränkungen.

Physiotherapie als funktionelle Unterstützung

Physiotherapeutische Maßnahmen setzen direkt an den funktionellen Auswirkungen der Erkrankung an. Im Vordergrund steht die Förderung von Mobilität, Muskelkontrolle und Koordination. Dabei wird individuell gearbeitet, da sich Symptomatik, Belastbarkeit und Tagesform bei MS-Patienten stark unterscheiden können. Physiotherapeuten analysieren Gangbild, Haltung, Muskeltonus und Bewegungsabläufe und passen das Training kontinuierlich an. Ziel ist nicht maximale Leistung, sondern sichere, ökonomische Bewegung.

Bewegungstherapie bei Spastiken und Muskelschwäche

Viele Menschen mit Multipler Sklerose leiden unter erhöhter Muskelspannung, sogenannten Spastiken. Diese können schmerzhaft sein, Bewegungen einschränken und die Sturzgefahr erhöhen. In der Physiotherapie kommen deshalb gezielte Dehnungen, passive Mobilisationen und tonusregulierende Techniken zum Einsatz. Gleichzeitig wird die vorhandene Muskelkraft trainiert, um Funktionsverluste zu verlangsamen. Wichtig ist dabei eine dosierte Belastung, da Überforderung zu schneller Ermüdung oder Verschlechterung der Symptome führen kann.

Gleichgewicht und Sturzprophylaxe

Gleichgewichtsstörungen zählen zu den häufigsten funktionellen Problemen bei MS. Sie entstehen durch gestörte Reizverarbeitung, Muskelschwäche oder Koordinationsdefizite. Physiotherapeutisches Gleichgewichtstraining zielt darauf ab, Stand- und Gangstabilität zu verbessern. Dabei werden einfache Alltagsbewegungen ebenso trainiert wie komplexere Anforderungen, etwa Richtungswechsel oder das Gehen auf unebenem Untergrund. Ziel ist es, Stürze zu vermeiden und Sicherheit im Alltag zurückzugewinnen.

Alltagshilfe als therapeutischer Faktor

Ein zentraler Bestandteil der physiotherapeutischen Arbeit bei MS ist die Alltagshilfe. Viele Betroffene stehen vor der Herausforderung, ihre Energie sinnvoll einzuteilen und Überlastungen zu vermeiden. Physiotherapeuten beraten deshalb zu ergonomischen Bewegungsabläufen, Pausenmanagement und Hilfsmitteln. Kleine Anpassungen im Alltag – etwa beim Aufstehen, Treppensteigen oder Tragen – können einen großen Unterschied machen und helfen, Kraft zu sparen und Symptome zu kontrollieren.

Übungen für zu Hause und Eigenverantwortung

Physiotherapie endet nicht mit dem Verlassen der Praxis. Studien zeigen, dass regelmäßiges Üben im Alltag entscheidend für den Therapieerfolg ist. Patienten erhalten deshalb individuell angepasste Übungsprogramme, die zu Hause durchgeführt werden können. Diese Übungen zielen auf Mobilität, Kraft, Koordination oder Entspannung ab und werden regelmäßig überprüft und angepasst. Die Rolle des Therapeuten besteht darin, anzuleiten, zu motivieren und Sicherheit in der Ausführung zu gewährleisten.

Psychische Stabilität durch Bewegung

Neben den körperlichen Effekten hat Physiotherapie auch einen psychischen Nutzen. Bewegung wirkt sich positiv auf Stimmung, Selbstwirksamkeit und Krankheitsbewältigung aus. Patienten, die aktiv bleiben, berichten häufig über ein besseres Körpergefühl und mehr Kontrolle über ihren Alltag. Gerade bei einer chronischen Erkrankung wie MS ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen, da psychische Belastungen den Krankheitsverlauf zusätzlich beeinflussen können.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Eine erfolgreiche MS-Therapie erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen. Physiotherapeuten arbeiten eng mit Neurologen, Ergotherapeuten, Logopäden und Pflegefachkräften zusammen. Ziel ist eine abgestimmte Behandlung, die medizinische, funktionelle und psychosoziale Aspekte berücksichtigt. Gerade bei fortschreitenden Verläufen ermöglicht diese Zusammenarbeit eine frühzeitige Anpassung der Therapie.

Langfristige Begleitung statt kurzfristiger Intervention

Multiple Sklerose ist eine lebenslange Erkrankung. Entsprechend ist auch die physiotherapeutische Betreuung langfristig angelegt. Therapieziele verändern sich im Verlauf der Erkrankung und müssen regelmäßig überprüft werden. Während anfangs häufig Leistungsaufbau im Vordergrund steht, rücken später Kompensation, Sicherheit und Energieökonomie stärker in den Fokus. Physiotherapie begleitet diesen Prozess und passt sich den individuellen Bedürfnissen an.

Zusammenspiel von Therapie und Alltag

Der größte Nutzen physiotherapeutischer Maßnahmen entsteht dort, wo Therapie und Alltag ineinandergreifen. Bewegungsübungen, Alltagshilfen und Beratung bilden eine Einheit. Patienten lernen, ihre Fähigkeiten realistisch einzuschätzen, Ressourcen sinnvoll zu nutzen und Überforderung zu vermeiden. So kann Physiotherapie dazu beitragen, trotz Multipler Sklerose ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen.



Quellen (prüfbar, deutsch, thematisch passend zu MS & Physiotherapie/Training): AWMF-Leitlinienregister: S2k-Leitlinie „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen“ (Deutsche Gesellschaft für Neurologie, DGN u.a.), aktuelle Fassung; AWMF-Leitlinienregister: Leitlinie „Rehabilitation bei Multipler Sklerose“ (federführende Reha-/Neurologie-Fachgesellschaften, je nach Version), aktuelle Fassung; Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Patientenleitlinien/Informationsseiten zur Multiplen Sklerose (Symptome, Verlauf, Therapiebausteine inkl. Rehabilitation/Physio), aktuelle Inhalte; Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) Bundesverband e.V.: Ratgeber/Informationsmaterial „Physiotherapie/Bewegung bei MS“, Fatigue, Spastik, Alltagshilfen, aktuelle Ausgaben; Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Heilmittel-Richtlinie (HeilM-RL) inkl. Heilmittelkatalog (Verordnung Physiotherapie/Heilmittel bei neurologischen Erkrankungen), jeweils gültige Fassung; IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen): Gesundheitsinformationen zu Multipler Sklerose/Rehabilitation/Bewegungstherapie (Nutzen, Grenzen, Entscheidungshilfen), aktuelle Inhalte; Robert Koch-Institut (RKI): Gesundheitsberichterstattung/Beiträge zu neurologischen Erkrankungen/Behinderung/Rehabilitation/Bewegung (kontextualisierende Daten/Grundlagen), jeweils relevante Publikationen; Leitlinienprogramm Onkologie/ÄZQ/Patientenleitlinien-Methodik (für verständliche Patientenedukation und strukturierte Versorgung; als Methodengrundlage, nicht MS-spezifisch), aktuelle Fassungen.

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