Rheumatische Arthritis verstehen: Verlauf, Behandlung und Physiotherapie

Rheumatische Arthritis verstehen: Verlauf, Behandlung und Physiotherapie

Ivan S pexels

Die rheumatische Arthritis ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die in der medizinischen Fachsprache auch als rheumatoide Arthritis oder chronische Polyarthritis bezeichnet wird. Charakteristisch ist eine fehlgeleitete Immunreaktion, bei der körpereigene Gelenkstrukturen angegriffen werden. Die Erkrankung betrifft bevorzugt die kleinen Gelenke von Händen und Füßen, kann jedoch grundsätzlich jedes Gelenk des Körpers einbeziehen, einschließlich Knie, Hüfte, Schulter und Wirbelsäule. Der Verlauf ist meist schubweise, wobei sich aktive Entzündungsphasen mit beschwerdeärmeren Intervallen abwechseln. Ohne adäquate Therapie führt die Erkrankung langfristig zu Gelenkzerstörung, Funktionsverlust und erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität.

Typische Symptome und klinische Merkmale

Ein zentrales Leitsymptom der rheumatischen Arthritis ist die entzündliche Gelenkschwellung, die mit Schmerzen, Rötung und Überwärmung einhergeht. Besonders typisch ist die ausgeprägte Morgensteifigkeit, die länger als 60 Minuten anhält und sich erst im Verlauf des Tages langsam bessert. Die Beschwerden treten meist symmetrisch auf, das heißt, beide Körperhälften sind gleichzeitig betroffen. Im Frühstadium klagen viele Betroffene zusätzlich über allgemeine Krankheitszeichen wie Müdigkeit, Leistungsminderung, subfebrile Temperaturen, Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit. Diese systemischen Symptome verdeutlichen, dass es sich nicht um eine reine Gelenkerkrankung handelt, sondern um eine systemische Entzündungserkrankung.

Krankheitsverlauf und pathophysiologische Prozesse

Im Verlauf der Erkrankung kommt es zu einer chronischen Entzündung der Gelenkinnenhaut, der sogenannten Synovialis. Diese verdickt sich durch die Einwanderung aktivierter Immunzellen und beginnt, entzündliche Botenstoffe wie Tumornekrosefaktor alpha, Interleukin-1 und Interleukin-6 freizusetzen. Diese Zytokine fördern die Zerstörung von Knorpel und Knochen und führen zur Ausbildung eines aggressiven Entzündungsgewebes, des sogenannten Pannus. Wiederholte Schübe hinterlassen bleibende strukturelle Schäden, die zu Fehlstellungen wie Ulnardeviation der Finger, Schwanenhals- und Knopflochdeformitäten führen können. Im fortgeschrittenen Stadium verlieren die Gelenke ihre Stabilität und Funktion.

Extraartikuläre Manifestationen

Bei etwa einem Fünftel der Patienten treten sogenannte Rheumaknoten auf, die bevorzugt an Streckseiten der Unterarme oder an druckbelasteten Arealen lokalisiert sind. Darüber hinaus kann die rheumatische Arthritis auch innere Organe betreffen. Beschrieben sind entzündliche Veränderungen der Augen wie Episkleritis oder Uveitis, Beteiligungen der Lunge mit Pleuritis oder interstitiellen Lungenerkrankungen sowie vaskulitische Veränderungen der Blutgefäße. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei Betroffenen deutlich erhöht, was die Bedeutung einer frühzeitigen und konsequenten Therapie unterstreicht.

Epidemiologie und Risikogruppen

Die rheumatische Arthritis betrifft weltweit etwa 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. In Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf rund 800.000 geschätzt. Der Erkrankungsbeginn liegt meist zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr, kann jedoch grundsätzlich in jedem Alter auftreten. Eine Sonderform stellt die juvenile idiopathische Arthritis dar, die im Kindes- und Jugendalter beginnt. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an einer rheumatischen Arthritis zu erkranken, insbesondere bei genetischer Prädisposition.

Ursachen und auslösende Faktoren

Die genaue Ursache der rheumatischen Arthritis ist bislang nicht vollständig geklärt. Gesichert ist jedoch die zentrale Rolle des Immunsystems. Genetische Faktoren, insbesondere bestimmte HLA-DRB1-Allele, erhöhen das Erkrankungsrisiko. Umweltfaktoren wie Rauchen gelten als einer der stärksten beeinflussbaren Risikofaktoren und stehen in direktem Zusammenhang mit Krankheitsbeginn und -schwere. Auch bakterielle und virale Infektionen werden als mögliche Trigger diskutiert. Die Erkrankung entsteht vermutlich durch das Zusammenwirken genetischer Prädisposition und externer Auslöser, die eine chronische Immunfehlregulation initiieren.

Medikamentöse Therapieansätze

Die medikamentöse Behandlung bildet das Fundament der rheumatologischen Therapie. Ziel ist es, die Entzündung frühzeitig zu kontrollieren und strukturelle Gelenkschäden zu verhindern. Zum Einsatz kommen krankheitsmodifizierende Antirheumatika wie Methotrexat, Leflunomid oder Sulfasalazin. Bei unzureichendem Ansprechen werden Biologika oder gezielte synthetische DMARDs eingesetzt, die spezifisch in die Entzündungskaskade eingreifen. Ergänzend werden nichtsteroidale Antirheumatika und Glukokortikoide zur Symptomkontrolle verwendet. Die Therapie erfolgt heute nach dem Prinzip „treat to target“, mit dem Ziel einer dauerhaften Remission oder zumindest niedrigen Krankheitsaktivität.

Bedeutung der Physiotherapie im Gesamtkonzept

Die Physiotherapie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung rheumatischer Arthritis. Ziel ist es, die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten, Muskelatrophie vorzubeugen und funktionelle Einschränkungen zu minimieren. In entzündungsarmen Phasen stehen aktive Bewegungsübungen, Kraftaufbau und Koordinationstraining im Vordergrund. Während akuter Schübe kommen schonende Mobilisationstechniken, passive Bewegungen und schmerzlindernde Maßnahmen zum Einsatz. Kältetherapie hat sich als besonders wirksam zur Reduktion von Entzündung und Schmerz erwiesen. Eine individuell angepasste physiotherapeutische Betreuung kann wesentlich dazu beitragen, operative Eingriffe hinauszuzögern oder zu vermeiden.

Ergotherapie und Alltagsschulung

Ergotherapeutische Maßnahmen unterstützen Betroffene dabei, ihre Selbstständigkeit im Alltag zu bewahren. Gelenkschutztechniken, Hilfsmittelversorgung und Arbeitsplatzanpassungen helfen, Belastungen zu reduzieren und Fehlstellungen vorzubeugen. Patientenschulungen vermitteln Wissen über Krankheitsmechanismen, Energiemanagement und den sinnvollen Umgang mit Belastung und Ruhe. Die aktive Einbindung des Patienten gilt heute als entscheidender Faktor für den langfristigen Therapieerfolg.

Ernährung, Lebensstil und Prävention von Folgeerkrankungen

Auch wenn es keine spezielle Diät zur Heilung der rheumatischen Arthritis gibt, zeigen Studien positive Effekte einer entzündungshemmenden Ernährung mit hohem Anteil an Omega-3-Fettsäuren, Gemüse und ballaststoffreichen Lebensmitteln. Regelmäßige körperliche Aktivität, Rauchverzicht und Gewichtsnormalisierung tragen zur Reduktion der Krankheitsaktivität und zur Prävention kardiovaskulärer Begleiterkrankungen bei. Aufgrund des erhöhten Osteoporoserisikos ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D und Kalzium von besonderer Bedeutung.

Langfristige Prognose

Dank moderner Therapiekonzepte hat sich die Prognose der rheumatischen Arthritis in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Eine frühe Diagnose und der zeitnahe Beginn einer konsequenten Therapie können irreversible Gelenkschäden verhindern oder erheblich verzögern. Viele Patienten erreichen heute eine stabile Remission und können ein weitgehend normales, aktives Leben führen. Voraussetzung hierfür ist eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Rheumatologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und weiteren Fachdisziplinen.

Quellen: Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie: Leitlinie Management der rheumatoiden Arthritis; Robert Koch-Institut: Gesundheitsberichterstattung Rheuma; Cochrane Database of Systematic Reviews: Physiotherapy in rheumatoid arthritis; IQWiG: Behandlung der rheumatoiden Arthritis; European League Against Rheumatism (EULAR): Recommendations for the management of rheumatoid arthritis.

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