Die Radon-Therapie bleibt bei vielen Gelenkerkrankungen die erste Wahl

Die Radon-Therapie bleibt bei vielen Gelenkerkrankungen die erste Wahl

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Die Radon-Therapie nimmt bei chronisch-entzündlichen und degenerativen Gelenkerkrankungen seit Jahrzehnten eine besondere Stellung ein. Trotz erheblicher Fortschritte in der medikamentösen Schmerz- und Entzündungshemmung gilt sie in spezialisierten Kurorten weiterhin als eine der nachhaltig wirksamsten nichtmedikamentösen Therapieformen, insbesondere bei Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis, Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans), chronischen Wirbelsäulensyndromen und schmerzhaften Arthrosen. Auffällig ist, dass europäische Radon-Heilbäder seit einigen Jahren wieder steigende Patientenzahlen verzeichnen, obwohl – oder gerade weil – viele Betroffene mit klassischen pharmakologischen Therapien an Grenzen stoßen.

Was Radon ist und warum es therapeutisch eingesetzt wird

Radon ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Edelgas, das aus dem Zerfall von Uran im Erdreich entsteht. Es tritt insbesondere in bestimmten geologischen Regionen auf, etwa in alpinen Gebieten, im Erzgebirge oder in Teilen des Schwarzwaldes. In der Medizin wird Radon in sehr niedriger, streng kontrollierter Dosierung genutzt, entweder in Form von Radon-Stollen-Therapie, Radon-Bädern oder Radon-Inhalationen. Entscheidend ist dabei nicht die Radioaktivität an sich, sondern der sogenannte hormetische Effekt: geringe Reizdosen ionisierender Strahlung aktivieren körpereigene Schutz- und Reparaturmechanismen.

Dieser Ansatz wird unter anderem vom Bundesamt für Strahlenschutz, von der International Commission on Radiological Protection sowie von der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie differenziert betrachtet. Während hohe, unkontrollierte Radonbelastungen – etwa in Bergwerken oder schlecht belüfteten Wohnhäusern – unbestritten gesundheitsschädlich sind, zeigt die Studienlage, dass zeitlich begrenzte therapeutische Anwendungen mit niedriger Dosis eine andere biologische Wirkung entfalten.

Schmerzlinderung mit Langzeiteffekt

Mehrere randomisierte und placebokontrollierte Studien, unter anderem aus Österreich, Deutschland und Tschechien, zeigen, dass die schmerzlindernde Wirkung der Radon-Therapie bis zu sechs Monate anhalten kann. Diese Ergebnisse wurden unter anderem im Rahmen klinischer Untersuchungen in Bad Gastein, Bad Kreuznach und Bad Schlema erhoben und in Fachzeitschriften der Rheumatologie und Balneologie publiziert. Bemerkenswert ist, dass diese Wirkungsdauer viele pharmakologische Schmerztherapien übertrifft, deren Effekt oft nur solange anhält, wie das Medikament eingenommen wird.

Für Patienten mit Morbus Bechterew oder chronisch-entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen ist dieser Zeitraum besonders wertvoll. Die reduzierte Schmerzintensität ermöglicht es, physiotherapeutische Maßnahmen konsequenter umzusetzen, die Beweglichkeit zu erhalten und die Progression der Erkrankung zu verlangsamen. Kliniken berichten, dass Patienten in der schmerzarmen Phase häufiger und effektiver an krankengymnastischen Programmen teilnehmen.

Physiotherapie als entscheidender Verstärker

Radon-Therapie wird in modernen Kurkonzepten nicht isoliert eingesetzt, sondern nahezu immer in Kombination mit Bewegungstherapie, manueller Therapie, Atemtherapie und edukativen Maßnahmen. Der schmerzreduzierende Effekt gilt dabei als Türöffner: Erst wenn Schmerzen beherrschbar sind, kann aktive Therapie sinnvoll greifen. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation betonen, dass gerade bei Morbus Bechterew eine frühe und kontinuierliche Bewegungstherapie prognostisch entscheidend ist.

Die Erfahrung aus Radon-Kurorten zeigt, dass Patienten nach der Therapie nicht nur weniger Schmerzmittel benötigen, sondern auch eine höhere Trainingsbereitschaft entwickeln. Dies ist insofern relevant, als langfristige Krankheitsverläufe weniger von kurzfristiger Schmerzlinderung als von nachhaltiger Aktivierung profitieren.

Strahlungsangst und wissenschaftliche Einordnung

Ein zentrales Problem der Radon-Therapie ist die gesellschaftliche Wahrnehmung von Strahlung. In der öffentlichen Diskussion wird häufig nicht zwischen hochdosierter, dauerhafter Exposition und medizinisch kontrollierter Niedrigdosisanwendung unterschieden. Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Radonheilbäder weisen seit Jahren darauf hin, dass diese Gleichsetzung wissenschaftlich nicht haltbar ist. Vergleichbar ist dies mit pharmakologischen Wirkstoffen, deren therapeutischer Nutzen ebenfalls dosis- und zeitabhängig ist.

Das Bundesamt für Strahlenschutz und die Weltgesundheitsorganisation bestätigen, dass die bei der Radon-Therapie eingesetzten Dosen deutlich unterhalb kritischer Grenzwerte liegen. Gleichzeitig zeigen immunologische Studien, dass Radonexposition in niedriger Dosierung entzündungshemmende Zytokinprofile begünstigen und die Aktivität bestimmter Immunzellen modulieren kann. Diese Effekte gelten als plausible Erklärung für die langanhaltende Schmerzreduktion.

Ein Gegengewicht zur Daueranalgesie

Ein oft diskutierter Aspekt ist das Spannungsfeld zwischen Radon-Therapie und der medikamentösen Schmerztherapie. Nichtsteroidale Antirheumatika, Kortikosteroide und Biologika sind aus der modernen Rheumatologie nicht wegzudenken, gehen jedoch bei langfristiger Anwendung mit relevanten Nebenwirkungen einher. Magen-Darm-Komplikationen, kardiovaskuläre Risiken, Osteoporose und Infektanfälligkeit sind bekannte Problematiken.

Vor diesem Hintergrund sehen viele Patienten und Therapeuten in der Radon-Therapie eine Möglichkeit, den Medikamentenbedarf zumindest zeitweise zu reduzieren. Diese Einschätzung wird auch von gesundheitsökonomischen Analysen gestützt, die zeigen, dass eine erfolgreiche Kurbehandlung langfristig Kosten im Gesundheitssystem senken kann, etwa durch geringeren Arzneimittelverbrauch und weniger Arbeitsunfähigkeitstage.

Eigenbeteiligung und Patientenmotivation

In Zeiten knapper Gesundheitsbudgets spielt die Bereitschaft zur Eigenfinanzierung eine zunehmende Rolle. Erhebungen europäischer Radon-Heilbäder zeigen, dass immer mehr Patienten bereit sind, die Kosten einer Radon-Therapie zumindest teilweise selbst zu tragen. Ausschlaggebend ist dabei weniger ideologische Überzeugung als vielmehr die persönliche Erfahrung: Wer über Monate hinweg von einer Schmerzreduktion profitiert, bewertet die Therapie als Investition in Lebensqualität.

Dieser Trend wird auch von Krankenkassen aufmerksam beobachtet. In einigen Ländern werden Radon-Anwendungen unter bestimmten Voraussetzungen wieder stärker bezuschusst, insbesondere wenn sie Teil eines multimodalen Therapiekonzepts sind.

Einordnung aus heutiger medizinischer Sicht

Aus wissenschaftlicher Perspektive gilt die Radon-Therapie nicht als Allheilmittel, wohl aber als evidenzbasierte Ergänzung bei ausgewählten Indikationen. Leitlinien empfehlen sie insbesondere bei therapieresistenten Schmerzen, chronisch-entzündlichen Erkrankungen mit hoher Schmerzlast und bei Patienten, die medikamentöse Therapien schlecht tolerieren. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und die Österreichische Gesellschaft für Rheumatologie betonen dabei die Bedeutung einer sorgfältigen Indikationsstellung und ärztlichen Begleitung.

Die Radon-Therapie steht damit exemplarisch für einen differenzierten Umgang mit natürlichen Reizen in der Medizin. Sie zeigt, dass Fortschritt nicht zwangsläufig bedeutet, bewährte Verfahren zu verdrängen, sondern sie kritisch zu prüfen, weiterzuentwickeln und sinnvoll zu integrieren.

In einer Zeit, in der chronische Schmerzen, Multimedikation und Therapieermüdung zunehmen, bleibt die Radon-Therapie für viele Patienten eine relevante Option. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie dort wirkt, wo moderne Medizin an ihre Grenzen stößt: bei der nachhaltigen Verbesserung von Funktion, Bewegung und Lebensqualität.



Quellen: Arbeitsgemeinschaft Europäischer Radonheilbäder (ARH): Wissenschaftliche Stellungnahmen zur Radontherapie bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen; Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): Radon – Wirkung, Risiken und therapeutische Anwendungen; Falkenbach A., Kovacs J., Franke A.: Radon therapy for the treatment of rheumatic diseases – a systematic review, Rheumatology International; Franke A. et al.: Long-term effects of radon spa therapy in rheumatoid arthritis: A randomized, sham-controlled study, Rheumatology; Becker K.: One century of radon therapy, International Journal of Low Radiation; Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh): Nichtmedikamentöse Therapieverfahren bei Morbus Bechterew; UNSCEAR Report: Effects of low-dose ionizing radiation on health; Bad Gastein Heilstollen Studienübersicht: Klinische Ergebnisse der Radonstollentherapie bei Morbus Bechterew und degenerativen Gelenkerkrankungen.

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