„Das Bakterium, das Multiple Sklerose verursacht, wurde entdeckt“ – mit solchen Schlagzeilen verbreitet sich derzeit eine neue Studie in sozialen Netzwerken. Das klingt nach einem medizinischen Durchbruch: Man findet einen Erreger, beseitigt ihn und könnte damit vielleicht sogar Multiple Sklerose verhindern. Doch so einfach ist es nicht. Hinter der zugespitzten Botschaft steckt allerdings eine bemerkenswerte wissenschaftliche Arbeit, die unser Verständnis der Verbindung zwischen Darm, Immunsystem und Multiple Sklerose erweitern könnte.
Forscher untersuchten dafür eine besondere Gruppe: eineiige Zwillinge, bei denen jeweils ein Zwilling an Multipler Sklerose (MS) erkrankt war und der andere nicht. Dabei stießen sie auf Darmbakterien, die möglicherweise dazu beitragen, unter bestimmten Voraussetzungen autoimmune Prozesse zu fördern. Das ist noch lange kein Beweis dafür, dass ein bestimmtes Bakterium MS beim Menschen verursacht. Die Ergebnisse gehen jedoch deutlich über die bloße Beobachtung hinaus, dass sich das Darmmikrobiom von Menschen mit und ohne MS unterscheidet.
Für die Physiotherapie ist diese Grundlagenforschung zunächst nicht unmittelbar therapeutisch relevant. Physiotherapeuten diagnostizieren MS nicht und behandeln auch nicht die immunologische Ursache der Erkrankung. Sie begleiten jedoch viele Betroffene regelmäßig über lange Zeiträume und beschäftigen sich mit einer anderen entscheidenden Frage: Wie können Beweglichkeit, Kraft, Gleichgewicht und Selbstständigkeit möglichst lange erhalten werden? Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick darauf, was die neue Forschung tatsächlich zeigt – und was nicht.
Multiple Sklerose ist keine einfache Infektionskrankheit
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Immunologische Prozesse greifen Strukturen in Gehirn und Rückenmark an. Dabei können Myelin und im weiteren Verlauf auch Nervenfasern geschädigt werden. Die möglichen Folgen sind entsprechend vielfältig: Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Muskelschwäche, Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme, Spastik, Gangstörungen und Fatigue gehören zu den häufigen Beschwerden.
Eine einzelne Ursache der MS ist bis heute nicht bekannt. Vielmehr geht man von einem Zusammenspiel genetischer Veranlagung, Immunregulation und verschiedener Umweltfaktoren aus. Genau hier ist das Darmmikrobiom in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt. Billionen von Mikroorganismen leben im menschlichen Darm. Sie sind nicht nur an Verdauung und Stoffwechsel beteiligt, sondern kommunizieren auch mit dem Immunsystem. Veränderungen dieser mikrobiellen Gemeinschaft könnten deshalb theoretisch auch Autoimmunreaktionen beeinflussen.
81 Zwillingspaare als außergewöhnliches Forschungsmodell
Die 2025 in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichte Studie untersuchte 81 Paare eineiiger Zwillinge, die hinsichtlich MS „diskordant“ waren: Ein Zwilling hatte MS, der genetisch nahezu identische Geschwisterteil dagegen nicht. Für die Forschung ist eine solche Konstellation besonders wertvoll. Genetische Unterschiede, die bei einem gewöhnlichen Vergleich verschiedener Menschen die Ergebnisse beeinflussen könnten, werden dadurch erheblich reduziert.
Die Wissenschaftler fanden zahlreiche Unterschiede in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms. Zwei Bakterien rückten bei den weiteren Untersuchungen besonders in den Mittelpunkt: Eisenbergiella tayi und Vertreter der Gattung Lachnoclostridium. Damit war aber zunächst lediglich eine Verbindung gefunden. Eine Assoziation bedeutet noch nicht, dass ein Mikroorganismus eine Krankheit verursacht.
Der entscheidende Schritt: vom Zwilling zur Maus
Interessant wird die Studie vor allem durch das nächste Experiment. Die Forscher übertrugen Darmmikroorganismen ausgewählter Zwillinge auf keimfreie Mäuse, die genetisch für die Entwicklung einer MS-ähnlichen Autoimmunerkrankung anfällig waren. Bei diesen Tieren lässt sich eine sogenannte experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis, kurz EAE, beobachten. Sie ist ein wichtiges Forschungsmodell für bestimmte immunologische Aspekte der MS, aber sie ist nicht mit der menschlichen Erkrankung gleichzusetzen.
Mikrobiota aus dem Ileum der an MS erkrankten Zwillinge führten bei den Versuchstieren häufiger zu einer MS-ähnlichen Autoimmunerkrankung als entsprechendes Material ihrer nicht erkrankten Geschwister. Weitere Analysen brachten insbesondere Eisenbergiella tayi und Lachnoclostridium mit diesem Effekt in Verbindung.
Damit liefert die Arbeit mehr als eine statistische Korrelation zwischen Darmbakterien und MS. Sie liefert experimentelle Hinweise darauf, dass bestimmte Bestandteile des Mikrobioms unter geeigneten Voraussetzungen autoimmune Vorgänge fördern könnten. Die Autoren sprechen entsprechend vorsichtig von potenziell krankheitsbegünstigenden Bakterien.
jeweils ein Zwilling mit MS, einer ohne MS
als mögliche beteiligte Bakterien identifiziert
✕ „Das MS-Bakterium“ wurde nicht entdeckt.
✕ Die Bakterien wurden nicht als Ursache menschlicher MS bewiesen.
✕ Antibiotika wurden nicht als MS-Therapie getestet.
✕ Probiotika wurden nicht als Behandlung bestätigt.
✕ Eine Veränderung des Mikrobioms wurde nicht als Heilung der MS gezeigt.
Warum die Social-Media-Schlagzeile zu weit geht
Aus „bestimmte Darmbakterien könnten unter bestimmten Bedingungen autoimmune Prozesse begünstigen“ wird in sozialen Netzwerken schnell „Forscher haben das Bakterium entdeckt, das MS verursacht“. Wissenschaftlich liegen zwischen diesen beiden Aussagen Welten.
Die Mäuse im Experiment waren genetisch für die Entwicklung einer entsprechenden Autoimmunerkrankung anfällig. Zudem handelt es sich bei EAE um ein experimentelles Modell und nicht um menschliche Multiple Sklerose. Auch bei den Zwillingen lässt sich aus dem häufigeren Auftreten bestimmter Mikroorganismen nicht eindeutig ableiten, was Ursache und was Folge ist. Eine Erkrankung kann schließlich ihrerseits Lebensstil, Ernährung, Medikamente und damit das Mikrobiom verändern.
Die Arbeit liefert deshalb einen wichtigen Baustein, aber keine monokausale Erklärung der MS. Das ist keineswegs enttäuschend. Gerade bei einer komplexen Autoimmunerkrankung wäre es überraschend, wenn sich plötzlich ein einzelner mikrobieller Schuldiger finden ließe.
Was hat das mit Physiotherapie zu tun?
Auf den ersten Blick wenig. Ein Physiotherapeut ist weder die erste diagnostische Anlaufstelle bei Verdacht auf MS noch behandelt er das Darmmikrobiom oder die zugrunde liegende Autoimmunreaktion. In der Lebensrealität vieler Menschen mit MS spielt Physiotherapie dennoch eine erheblich größere Rolle, als diese nüchterne Abgrenzung vermuten lässt.
Viele Patienten kommen über Monate oder Jahre regelmäßig zur Behandlung. Physiotherapeuten erleben dadurch unmittelbar, wie sich funktionelle Fähigkeiten entwickeln. Sie sehen, ob sich ein Gangbild verändert, eine Muskelschwäche zunimmt, das Gleichgewicht unsicherer wird, Spastik die Bewegung erschwert oder Fatigue die Belastbarkeit reduziert. Therapie ist dabei nicht nur kurzfristige Symptomlinderung. Ein wesentliches Ziel besteht darin, vorhandene Funktionen zu erhalten, sekundärer Dekonditionierung entgegenzuwirken und möglichst lange Selbstständigkeit im Alltag zu ermöglichen.
Gerade bei einer Erkrankung mit sehr unterschiedlichen Verläufen muss die Therapie individuell angepasst werden. Krafttraining, Ausdauertraining, Gleichgewichts- und Koordinationsübungen sowie funktionelles Training können je nach Beschwerden und Leistungsfähigkeit unterschiedliche Schwerpunkte bilden.
Training kann Funktion erhalten – aber stoppt es auch die MS?
Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Die Evidenz für körperliches Training bei MS ist inzwischen erheblich. Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wertete 40 randomisierte Studien mit insgesamt mehr als 2.100 Teilnehmern in Trainings- und Kontrollgruppen aus. Training verbesserte unter anderem Gleichgewicht, Gehfähigkeit, Gehausdauer, Fatigue und Lebensqualität. Im Sechs-Minuten-Gehtest lag die durchschnittliche Verbesserung gegenüber den Kontrollbedingungen bei rund 26 Metern.
Auch die frühere Sorge, körperliche Belastung könne bei MS grundsätzlich gefährlich sein oder Schübe provozieren, wird durch aktuelle Daten nicht gestützt. Eine Metaanalyse von 40 randomisierten Studien mit 1.780 Teilnehmern fand bei trainierenden Menschen mit MS kein erhöhtes Risiko für klinische Schübe, unerwünschte Ereignisse oder schwere unerwünschte Ereignisse.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Physiotherapie die immunologische Krankheitsprogression bremst. Hier müssen Funktionserhalt und Krankheitsmodifikation getrennt werden. Training kann Muskelschwäche durch Inaktivität und Dekonditionierung entgegenwirken, Bewegungsfähigkeit trainieren und funktionelle Reserven erhalten. Ob und in welchem Umfang regelmäßiges Training darüber hinaus unmittelbar neuroinflammatorische Prozesse oder die langfristige neurologische Progression verändert, ist eine wesentlich schwierigere Forschungsfrage.
Physiotherapie ist deshalb mehr als „Linderung“
Der Begriff Linderung greift bei der physiotherapeutischen Betreuung von Menschen mit MS zu kurz. Wenn ein Patient durch gezieltes Training länger sicher gehen kann, mehr Kraft behält, Stürze vermeidet oder alltägliche Aktivitäten länger selbstständig bewältigt, ist das funktionell von erheblicher Bedeutung – selbst wenn die Therapie den zugrunde liegenden Autoimmunprozess nicht beseitigt.
Hinzu kommt ein wichtiger Unterschied zwischen primären und sekundären Folgen der Erkrankung. Eine neurologisch verursachte Muskelschwäche kann durch Bewegungsmangel zusätzlich verstärkt werden. Wer aus Unsicherheit, Fatigue oder Angst vor Überlastung immer weniger aktiv ist, verliert zusätzlich Muskelkraft, Ausdauer und Koordination. Hier kann ein individuell dosiertes Training einen vermeidbaren Teil des Funktionsverlusts auffangen.
Regelmäßige Kontakte ermöglichen außerdem, Veränderungen früh wahrzunehmen. Physiotherapeuten ersetzen damit keine neurologische Verlaufskontrolle. Auffällige neue oder deutlich zunehmende neurologische Symptome gehören ärztlich abgeklärt. Die kontinuierliche Beobachtung funktioneller Veränderungen kann aber ein wertvoller Bestandteil einer multidisziplinären Betreuung sein.
Bewegung, Immunsystem und Darm: eine spannende neue Forschungsfrage
Die neue Mikrobiomstudie eröffnet noch eine weitere Perspektive. Körperliche Aktivität wirkt nicht ausschließlich auf Muskeln. Sie beeinflusst Stoffwechsel, Kreislauf, Entzündungsprozesse und vermutlich auch die Zusammensetzung und Funktion des Darmmikrobioms. Daraus lässt sich derzeit keinesfalls ableiten, dass Physiotherapie über Veränderungen der Darmflora MS behandeln könnte. Eine solche Behauptung wäre genauso voreilig wie die Schlagzeile vom entdeckten „MS-Bakterium“.
Interessant ist jedoch die größere wissenschaftliche Entwicklung: Die Grenzen zwischen Neurologie, Immunologie, Stoffwechsel, Darmforschung und Bewegungswissenschaft werden zunehmend durchlässiger. Wenn das Mikrobiom tatsächlich an der Modulation autoimmuner Prozesse beteiligt ist, wird künftig auch die Frage interessant, welche veränderbaren Lebensstilfaktoren diese Kommunikation beeinflussen.
Für Physiotherapeuten verändert die aktuelle Studie deshalb noch keine Behandlungsempfehlung. Sie liefert aber einen faszinierenden Blick auf eine Krankheit, deren Auswirkungen sie täglich behandeln. Während Grundlagenforscher versuchen zu verstehen, warum das Immunsystem bei MS fehlgeleitet wird und welche Rolle Darmbakterien dabei spielen könnten, bleibt die Aufgabe der Physiotherapie sehr konkret: Menschen dabei zu unterstützen, trotz der Erkrankung möglichst viel Beweglichkeit, körperliche Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit zu bewahren.
Was jetzt erforscht werden muss
Die nächsten Schritte müssen zeigen, ob die beiden identifizierten Bakterien tatsächlich eine kausale Rolle spielen, über welche Stoffwechselprodukte oder Immunmechanismen sie wirken und ob sich die Ergebnisse aus dem Tiermodell überhaupt auf Menschen übertragen lassen. Erst sehr viel später stellt sich die Frage, ob daraus diagnostische Marker, Präventionsansätze oder mikrobiombasierte Therapien entstehen könnten.
Bis dahin gibt es keinen wissenschaftlichen Grund, aufgrund dieser Studie Antibiotika, frei verkäufliche Probiotika oder andere vermeintliche „Darmkuren“ gegen MS einzusetzen. Die spannendste Botschaft ist vorerst eine andere: Der Darm könnte stärker an neurologischen Autoimmunerkrankungen beteiligt sein, als lange angenommen wurde. Gleichzeitig erinnert die Forschung daran, wie komplex MS ist. Ein einzelnes Bakterium als Ursache wäre eine spektakuläre Geschichte. Die tatsächliche Wissenschaft ist komplizierter – aber möglicherweise langfristig sehr viel bedeutender.
Quellen
Yoon H, Gerdes LA, Beigel F, et al. Multiple sclerosis-associated gut microbiome promotes disease in a spontaneous autoimmune model. Proceedings of the National Academy of Sciences. 2025;122(17):e2419689122. PMID: 40258140.
Du L, Xi H, Zhang S, et al. Effects of exercise in people with multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Public Health. 2024;12:1387658.
Learmonth YC, Herring MP, Russell DI, et al. Safety of exercise training in multiple sclerosis: An updated systematic review and meta-analysis. Multiple Sclerosis Journal. 2023.
