Eine Impfung gegen Gürtelrose soll in erster Linie verhindern, dass das Varizella-Zoster-Virus nach Jahrzehnten erneut aktiv wird und die oft äußerst schmerzhafte Erkrankung Herpes Zoster auslöst. Doch inzwischen zeichnet sich in der Forschung ein überraschendes Bild ab: Menschen, die den modernen rekombinanten Gürtelrose-Impfstoff erhalten haben, erkranken in großen Beobachtungsstudien offenbar nicht nur seltener an Gürtelrose. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenzerkrankungen treten bei ihnen teilweise seltener auf. Besonders spannend ist dabei, dass sich Hinweise sowohl für Herzinsuffizienz und ischämische Herzerkrankungen als auch für Alzheimer und vaskuläre Demenz finden.
Ein Virus, das jahrzehntelang im Körper bleibt
Wer einmal Windpocken hatte, wird das verantwortliche Varizella-Zoster-Virus nicht vollständig wieder los. Nach der Erkrankung zieht sich das Virus in Nervenzellen zurück und kann dort über Jahrzehnte in einem ruhenden Zustand verbleiben. Vor allem mit zunehmendem Alter oder bei geschwächtem Immunsystem kann es wieder aktiv werden. Dann entsteht die Gürtelrose, medizinisch Herpes Zoster genannt.
Typisch sind brennende oder stechende Schmerzen und ein meist einseitiger Hautausschlag mit Bläschen. Besonders belastend kann die sogenannte postherpetische Neuralgie sein. Dabei bleiben Nervenschmerzen noch Monate oder sogar länger bestehen, obwohl der eigentliche Hautausschlag längst abgeheilt ist. Für ältere Menschen kann eine schwere Gürtelrose deshalb erhebliche Auswirkungen auf Mobilität, Schlaf, Aktivität und Lebensqualität haben.
Die neue Studie: Weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach der Impfung?
Besonders viel Aufmerksamkeit erhält derzeit eine im August 2026 in Nature Medicine veröffentlichte Untersuchung. Die Forschenden nutzten dabei einen ungewöhnlich günstigen Zeitpunkt in den USA: Dort wurde innerhalb relativ kurzer Zeit vom älteren Lebendimpfstoff auf den modernen rekombinanten Gürtelrose-Impfstoff umgestellt. Dadurch konnten Menschen miteinander verglichen werden, die unmittelbar vor beziehungsweise nach dieser Umstellung geimpft worden waren.
In die Analyse flossen Daten von mehr als 72.000 Menschen ab 60 Jahren ein. Über einen Zeitraum von sieben Jahren zeigte sich bei den überwiegend mit dem rekombinanten Impfstoff Geimpften eine um rund neun Prozent geringere Belastung durch Herz-Kreislauf-Ereignisse. Bei ischämischen Herzerkrankungen lag der Unterschied bei etwa zehn Prozent, bei Herzinsuffizienz bei zwölf Prozent. Bei Männern wurde zudem eine geringere Belastung durch ischämische Schlaganfälle beobachtet.
Das klingt zunächst nach einem zusätzlichen Schutz durch die Impfung. Genau hier ist jedoch wissenschaftliche Zurückhaltung wichtig. Die Studie zeigt eine statistische Verbindung, beweist aber noch nicht, dass der Impfstoff unmittelbar Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Herzinsuffizienz verhindert. Auch die Autoren fordern deshalb weitere klinische und mechanistische Untersuchungen.
Warum könnte eine Gürtelrose-Impfung überhaupt das Herz beeinflussen?
Eine mögliche Erklärung liegt in Entzündungsprozessen. Infektionen können das Immunsystem stark aktivieren und dadurch vorübergehend auch das Herz-Kreislauf-System belasten. Bei einer Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus könnten entzündliche Prozesse beispielsweise Gefäßwände beeinflussen oder bestehende Gefäßerkrankungen zusätzlich destabilisieren.
Wenn eine Impfung solche Virusreaktivierungen verhindert, könnte damit indirekt auch ein Teil dieser Belastung entfallen. Zusätzlich diskutieren Forschende, ob der moderne Impfstoff selbst bestimmte längerfristige Veränderungen der Immunantwort auslösen könnte. Dabei rückt besonders das enthaltene Adjuvans in den Mittelpunkt. Ein Adjuvans verstärkt die Immunreaktion auf einen Impfstoff und könnte möglicherweise auch darüber hinaus bestimmte Immunzellen beeinflussen. Ob dies tatsächlich einen eigenständigen Schutzmechanismus erklärt, ist bislang allerdings nicht bewiesen.
Auch beim Demenzrisiko gibt es auffällige Ergebnisse
Die Herz-Kreislauf-Daten stehen nicht allein. Bereits zuvor hatten mehrere Forschungsgruppen Hinweise darauf gefunden, dass Menschen nach einer Gürtelrose-Impfung seltener eine Demenzdiagnose erhalten. Eine 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie untersuchte beispielsweise mehr als 65.000 vollständig mit dem rekombinanten Impfstoff geimpfte Personen ab 65 Jahren und verglich sie mit mehreren Hunderttausend nicht entsprechend geimpften Menschen.
In der zunächst berechneten Auswertung war das Demenzrisiko bei den Geimpften deutlich niedriger. Weil Menschen, die Impfangebote wahrnehmen, häufig insgesamt gesundheitsbewusster sind, untersuchten die Forschenden zusätzlich den sogenannten Healthy-Vaccinee-Effekt. Auch nach diesem Vergleich blieb ein statistisch signifikanter Unterschied bestehen. Die niedrigeren Raten zeigten sich dabei nicht nur für Demenz insgesamt, sondern auch bei Alzheimer und vaskulärer Demenz.
Heißt das, die Impfung schützt vor Alzheimer?
So weit sollte man derzeit nicht gehen. Die Formulierung „Die Gürtelrose-Impfung schützt vor Alzheimer“ würde einen kausalen Zusammenhang behaupten, den die bisherigen Daten noch nicht beweisen. Korrekt ist vielmehr: Mehrere große Studien zeigen eine Verbindung zwischen Gürtelrose-Impfungen und einem geringeren Auftreten von Demenzerkrankungen. Dabei finden sich auch Hinweise bei Alzheimer-Diagnosen.
Das ist dennoch wissenschaftlich bemerkenswert. Denn wenn sich dieser Zusammenhang in weiteren Studien bestätigt, könnten Infektionen, Immunreaktionen und chronische Entzündungsprozesse bei neurodegenerativen Erkrankungen eine größere Rolle spielen als lange angenommen. Gleichzeitig könnten Impfungen dadurch möglicherweise gesundheitliche Effekte besitzen, die über den Schutz vor der eigentlichen Infektionskrankheit hinausreichen.
Was Herz, Gehirn und Entzündung miteinander verbindet
Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz sind ohnehin enger miteinander verbunden, als es auf den ersten Blick scheint. Bluthochdruck, Gefäßveränderungen, Diabetes, Bewegungsmangel und chronische Entzündungsprozesse können sowohl das Herz als auch die Blutversorgung des Gehirns beeinträchtigen. Besonders offensichtlich wird dies bei der vaskulären Demenz, bei der Schädigungen der Hirngefäße eine zentrale Rolle spielen.
Auch bei Alzheimer werden neben den klassischen Veränderungen im Gehirn zunehmend immunologische und entzündliche Mechanismen untersucht. Deshalb ist die Vorstellung zumindest biologisch plausibel, dass wiederkehrende oder schwere Infektionen langfristige Auswirkungen auf Gefäße und Nervensystem haben könnten. Plausibilität ist jedoch noch kein Beweis. Genau deshalb sind die aktuellen Studien so interessant: Sie liefern Ansatzpunkte für weitere Forschung, aber noch keine endgültige Erklärung.
Warum das Thema auch die Physiotherapie betrifft
Auf den ersten Blick scheint eine Impfung wenig mit Physiotherapie zu tun zu haben. In der täglichen Praxis begegnen Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten jedoch sehr häufig den Folgen genau jener Erkrankungen, die in diesen Studien untersucht werden. Nach einem Schlaganfall müssen Bewegungsmuster neu erlernt werden, Gleichgewicht und Gehfähigkeit werden trainiert und verlorene Selbstständigkeit soll möglichst weit zurückgewonnen werden.
Bei Herzinsuffizienz spielt dosierte körperliche Aktivität eine wichtige Rolle, damit Belastbarkeit und Alltagsfunktion möglichst lange erhalten bleiben. Bei Demenz wiederum können Bewegung, Krafttraining, Gleichgewichtstraining und regelmäßige körperliche Aktivität helfen, Mobilität und Selbstständigkeit zu unterstützen. Physiotherapie arbeitet deshalb häufig dort, wo Prävention eine Erkrankung nicht vollständig verhindern konnte.
Gerade deshalb ist ein umfassender Präventionsgedanke interessant. Prävention bedeutet nicht nur Training, Ernährung oder Sturzprophylaxe. Auch Impfungen können insbesondere im höheren Lebensalter dazu beitragen, Erkrankungen und deren Folgeschäden zu vermeiden. Ob die Gürtelrose-Impfung dabei tatsächlich zusätzlich Herz und Gehirn schützt, muss allerdings erst weiter geklärt werden.
Die Impfung bleibt zunächst eine Impfung gegen Gürtelrose
Trotz der faszinierenden neuen Ergebnisse sollte sich die Entscheidung für eine Gürtelrose-Impfung derzeit nicht auf einen möglichen Schutz vor Alzheimer oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen stützen. Ihr etablierter Zweck ist der Schutz vor Herpes Zoster und seinen teilweise lang anhaltenden Komplikationen. Die möglichen zusätzlichen Effekte sind ein wissenschaftlich spannender Bonus, dessen Bedeutung noch untersucht wird.
Vielleicht zeigt sich in einigen Jahren, dass Impfungen tatsächlich einen viel größeren Einfluss auf altersbedingte Erkrankungen haben, als bislang angenommen wurde. Die aktuellen Daten zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz liefern dafür jedenfalls bemerkenswerte Hinweise. Sie zeigen zugleich, wie eng Immunsystem, Gefäße, Nervensystem und Alterungsprozesse miteinander verbunden sein können.
Quellen
Corsi-Zuelli F, Li F, Upthegrove R et al.: Recombinant shingles vaccination and the risk of cardiovascular events. Nature Medicine, veröffentlicht am 26. August 2026. https://www.nature.com/articles/s41591-026-04606-0
Rayens E, Sy LS, Qian L et al.: Recombinant zoster vaccine is associated with a reduced risk of dementia. Nature Communications 17, 2056 (2026). https://www.nature.com/articles/s41467-026-69289-0
