Wer den ersten Teil dieses Artikels gelesen hat, weiß bereits, warum Krebs und Alzheimer aus biologischer Sicht als Gegensätze gelten. Während Krebszellen den programmierten Zelltod umgehen und sich unkontrolliert vermehren, sterben bei Alzheimer Nervenzellen zunehmend ab. Doch aus dieser scheinbar rein molekularen Erkenntnis ergibt sich eine viel praktischere Frage: Gibt es Maßnahmen, die das Risiko für beide Erkrankungen gleichzeitig senken können? Die Antwort lautet überraschend eindeutig: Ja. Regelmäßige körperliche Aktivität gehört heute zu den wenigen Lebensstilfaktoren, für die sowohl in der Krebsprävention als auch in der Demenzprävention eine überzeugende wissenschaftliche Evidenz vorliegt. Gerade für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten macht diese Erkenntnis Bewegung zu weit mehr als einer rehabilitativen Maßnahme – sie wird zu einem zentralen Instrument der Prävention.
Im ersten Teil „Krebs und Alzheimer: Das biologische Paradox“ haben wir erklärt, warum beide Erkrankungen auf zellulärer Ebene überraschende Gegensätze darstellen. In diesem zweiten Teil geht es um die entscheidende Frage: Welche Rolle spielt regelmäßige Bewegung bei der Prävention von Krebs und Demenz?
Bewegung wirkt auf den gesamten Organismus
Lange Zeit wurde körperliche Aktivität vor allem als Training für Muskeln, Herz und Kreislauf verstanden. Heute ist klar, dass Bewegung praktisch jedes Organsystem beeinflusst. Während einer Muskelkontraktion werden zahlreiche Botenstoffe freigesetzt, die als Myokine bezeichnet werden. Sie wirken nicht nur lokal im Muskel, sondern erreichen über den Blutkreislauf Gehirn, Leber, Fettgewebe, Immunsystem und Blutgefäße. Dadurch entstehen komplexe Wechselwirkungen, die Entzündungsprozesse reduzieren, den Zuckerstoffwechsel verbessern und Reparaturmechanismen in vielen Geweben aktivieren können.
Für die Krebsprävention ist dieser Effekt deshalb interessant, weil chronische Entzündungen, Übergewicht, Insulinresistenz und erhöhte Wachstumsfaktoren das Risiko verschiedener Tumorarten erhöhen können. Regelmäßige Bewegung wirkt vielen dieser Faktoren entgegen. Gleichzeitig profitieren auch Gehirn und Nervensystem. Körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung, erhöht die Bildung neurotropher Faktoren wie BDNF und unterstützt die Plastizität des Gehirns. Dadurch entstehen günstigere Voraussetzungen für Lernen, Gedächtnis und den Erhalt neuronaler Netzwerke.
Der Muskel ist ein Stoffwechselorgan
In der modernen Physiologie gilt die Skelettmuskulatur längst nicht mehr nur als Bewegungsapparat. Sie ist eines der größten Stoffwechselorgane des Körpers. Gut trainierte Muskulatur verbessert die Insulinsensitivität, nimmt Glukose effizienter auf und reduziert langfristig die Belastung durch chronisch erhöhte Blutzucker- und Insulinspiegel. Genau diese Stoffwechselveränderungen spielen sowohl bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch bei einigen Krebsarten und möglicherweise auch bei neurodegenerativen Erkrankungen eine Rolle.
Für Physiotherapeuten bedeutet das einen wichtigen Perspektivwechsel. Krafttraining dient nicht ausschließlich dem Muskelaufbau oder der Verbesserung funktioneller Fähigkeiten. Es beeinflusst gleichzeitig zahlreiche biologische Prozesse, die weit über den Bewegungsapparat hinausreichen. Die Muskulatur entwickelt sich damit immer stärker zu einem therapeutischen Zielorgan der Präventionsmedizin.
Was die aktuelle Forschung zeigt
Die wissenschaftliche Evidenz hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Große Beobachtungsstudien zeigen übereinstimmend, dass körperlich aktive Menschen seltener an verschiedenen Krebsarten erkranken und gleichzeitig ein geringeres Risiko für kognitive Einschränkungen und Demenz aufweisen. Zwar können solche Studien keine endgültigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen, dennoch ergibt sich über viele Untersuchungen hinweg ein bemerkenswert konsistentes Bild. Deshalb empfehlen internationale Leitlinien regelmäßige Bewegung inzwischen sowohl zur Krebsprävention als auch zur Förderung der Gehirngesundheit.
Dabei geht es keineswegs um Extremsport. Bereits regelmäßiges Gehen, Radfahren, Schwimmen oder gezieltes Krafttraining können relevante gesundheitliche Vorteile bringen. Entscheidend scheint die langfristige Kontinuität zu sein. Der Körper reagiert weniger auf einzelne intensive Trainingseinheiten als auf dauerhaft wiederkehrende Bewegungsreize.
Welche Bedeutung hat das für die Physiotherapie?
Physiotherapie wird häufig noch mit Rehabilitation nach Verletzungen oder Operationen verbunden. Tatsächlich entwickelt sich das Fachgebiet zunehmend zu einer wichtigen Säule der Präventionsmedizin. Patienten kommen heute mit Arthrose, Rückenschmerzen oder nach einem Schlaganfall in die Praxis – viele bringen gleichzeitig Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes oder andere Risikofaktoren mit. Genau hier eröffnet die aktuelle Forschung neue Möglichkeiten. Bewegungstherapie kann nicht nur Schmerzen lindern oder die Mobilität verbessern, sondern langfristig auch Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System und möglicherweise das Risiko chronischer Erkrankungen positiv beeinflussen.
Das Krebs-Alzheimer-Paradox zeigt deshalb vor allem eines: Krankheiten entstehen selten isoliert. Viele biologische Signalwege greifen ineinander, und dieselben Lebensstilfaktoren beeinflussen oft mehrere Erkrankungen gleichzeitig. Je besser wir diese Zusammenhänge verstehen, desto gezielter können Prävention und Therapie ansetzen. Für die Physiotherapie bedeutet das eine wachsende Verantwortung – aber auch eine große Chance, Menschen nicht nur beweglicher, sondern langfristig gesünder zu machen.
