Physiotherapie via Telefon? – Warum ein Experiment in Großbritannien Schule machen könnte!

Physiotherapie via Telefon? – Warum ein Experiment in Großbritannien Schule machen könnte!

Karola G pexels

Viele Erkrankungen des Bewegungsapparates führen Patienten nach dem Arztbesuch in die Physiotherapie. In der Praxis zeigt sich jedoch immer wieder ein strukturelles Problem: Zwischen ärztlicher Diagnose und dem ersten physiotherapeutischen Termin liegen oft Wochen. Besonders in ländlichen Regionen oder in Gesundheitssystemen mit knappen Ressourcen entstehen Wartezeiten, die den Behandlungserfolg gefährden. Schmerzen chronifizieren, Unsicherheit wächst und nicht selten verzichten Patienten irgendwann ganz auf eine Therapie.

Gleichzeitig ist bekannt, dass bei vielen muskuloskelettalen Beschwerden frühe Anleitung, Aufklärung und einfache Bewegungsstrategien einen entscheidenden Unterschied machen können. Genau an dieser Stelle setzt ein britisches Modell an, das lange als ungewöhnlich galt und inzwischen international Aufmerksamkeit erregt.

Unter dem Namen „PhysioDirect“ wurde im britischen Gesundheitssystem ein strukturierter Ansatz entwickelt, bei dem Patienten nicht wochenlang auf einen ersten Termin warten müssen, sondern innerhalb weniger Tage telefonisch mit einem qualifizierten Physiotherapeuten sprechen. Ziel war es nicht, die klassische Physiotherapie zu ersetzen, sondern Zeit zu überbrücken, Orientierung zu geben und unnötige Praxisbesuche zu vermeiden. Die Ergebnisse dieses Modells werfen grundlegende Fragen für die zukünftige Organisation physiotherapeutischer Versorgung auf.

Versorgungsrealität als Ausgangspunkt des Modells

Das britische Gesundheitssystem war schon vor Einführung von PhysioDirect mit erheblichen Engpässen in der physiotherapeutischen Versorgung konfrontiert. Lange Wartelisten führten dazu, dass Patienten mit akuten Rücken-, Schulter- oder Kniebeschwerden häufig erst Wochen nach Symptombeginn behandelt wurden. Studien zeigten, dass ein relevanter Teil der Patienten in dieser Zeit entweder selbstständig improvisierte oder die Therapie vollständig abbrach.

Gerade bei unspezifischen Beschwerden verschlechterte sich dadurch die Prognose deutlich. PhysioDirect wurde als Antwort auf diese strukturelle Unterversorgung entwickelt und zielte darauf ab, den ersten therapeutischen Kontakt zeitlich vorzuziehen, ohne zusätzliche Praxiskapazitäten schaffen zu müssen.

Ablauf der telefonischen Erstberatung

Im Rahmen von PhysioDirect erhielten Patienten wenige Tage nach ärztlicher Überweisung einen fest terminierten Telefonanruf durch einen erfahrenen Physiotherapeuten. Dieses Gespräch folgte einem strukturierten klinischen Protokoll. Zunächst wurden Art, Dauer und Verlauf der Beschwerden erfasst, gefolgt von sogenannten Red-Flag-Abfragen, um ernsthafte Pathologien auszuschließen. Anschließend stand die funktionelle Einschätzung im Vordergrund: Welche Bewegungen sind schmerzhaft, welche möglich, welche Alltagsaktivitäten eingeschränkt. Auf dieser Basis erhielten die Patienten konkrete Handlungsempfehlungen, einfache Übungen, Hinweise zur Belastungssteuerung sowie Informationen zur Schmerzeinschätzung.

Psychologischer Effekt früher therapeutischer Zuwendung

Ein wesentlicher, oft unterschätzter Aspekt des Modells liegt im psychologischen Effekt der frühen Kontaktaufnahme. Patienten berichten, dass allein das Gefühl, ernst genommen zu werden und konkrete Orientierung zu erhalten, Ängste reduziert und die Eigenaktivität erhöht. Gerade bei unspezifischen Rückenschmerzen spielt die Vermeidung von Katastrophisierung eine zentrale Rolle. Die telefonische Beratung diente nicht nur der Informationsvermittlung, sondern auch der gezielten Entdramatisierung von Beschwerden und der Förderung realistischer Erwartungen an den Heilungsverlauf.

Hilfe zur Selbsthilfe als zentrales Element

PhysioDirect setzte konsequent auf das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Patienten wurden nicht passiv beruhigt, sondern aktiv in ihre Behandlung eingebunden. Die vermittelten Übungen waren bewusst einfach gehalten, um sie ohne Hilfsmittel durchführen zu können. Ergänzt wurden sie durch Hinweise zur Arbeitsplatzgestaltung, zum Umgang mit Schmerzspitzen und zur sinnvollen Alltagsbewegung. Ziel war es, den Patienten Handlungssicherheit zu geben und gleichzeitig unnötige Schonhaltung zu vermeiden, die langfristig zu Funktionsverlust führt.

Reduktion unnötiger Praxisbesuche

Die begleitende randomisierte Studie zeigte deutliche Effekte: Während im klassischen Wartelistenmodell etwa die Hälfte der Patienten letztlich gar keinen Termin mehr wahrnahm, lag dieser Anteil im PhysioDirect-Arm deutlich niedriger. Gleichzeitig benötigte nur etwa die Hälfte der telefonisch beratenen Patienten anschließend überhaupt einen persönlichen Termin. Bei jenen, die in die Praxis kamen, waren die Behandlungszeiten signifikant kürzer, da viele Grundlagen bereits geklärt waren. Dies führte zu einer effizienteren Nutzung vorhandener Kapazitäten.

Vergleich der Behandlungsergebnisse

Entscheidend war jedoch die Frage, ob die Qualität der Versorgung leidet. Die Studienergebnisse zeigten nach sechs Wochen und nach sechs Monaten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich Schmerzintensität, Funktionseinschränkung, Arbeitsunfähigkeitstagen und Patientenzufriedenheit. Auch Patienten, die ausschließlich telefonisch betreut wurden, berichteten über vergleichbare Verbesserungen. Diese Ergebnisse stellen die Annahme infrage, dass effektive physiotherapeutische Intervention zwingend körperliche Präsenz erfordern.

Grenzen der telefonischen Physiotherapie

Trotz der positiven Ergebnisse wurden auch klare Grenzen identifiziert. Komplexe neurologische Befunde, schwere funktionelle Einschränkungen oder unklare Schmerzverläufe erfordern weiterhin eine persönliche Untersuchung. PhysioDirect verstand sich daher ausdrücklich nicht als Ersatz, sondern als vorgelagerter Filter. Die telefonische Beratung ermöglichte eine frühzeitige Einschätzung, beschleunigte notwendige Präsenztermine und verhinderte gleichzeitig Überversorgung bei milden Verläufen.

Bedeutung für andere Gesundheitssysteme

Das Modell wirft auch für andere Länder relevante Fragen auf. In Zeiten von Fachkräftemangel, steigender Nachfrage und wachsendem Kostendruck könnte eine strukturierte telefonische Erstberatung ein Baustein moderner physiotherapeutischer Versorgung sein. Voraussetzung ist jedoch eine klare Qualifikation der beratenden Therapeuten, standardisierte Entscheidungswege und eine enge Verzahnung mit der klassischen Praxisversorgung. Unstrukturierte Telefonratschläge ohne klinisches Konzept würden dem Modell nicht gerecht.

Einordnung aus physiotherapeutischer Sicht

PhysioDirect zeigt, dass Physiotherapie mehr ist als manuelle Techniken. Aufklärung, Beratung und gezielte Aktivierung sind eigenständige therapeutische Leistungen mit messbarem Effekt. Die Studie verdeutlicht, dass ein Teil physiotherapeutischer Wirksamkeit bereits vor dem ersten Hands-on-Kontakt entsteht. Für den Berufsstand bedeutet dies eine Stärkung der fachlichen Autonomie und eine Erweiterung des therapeutischen Selbstverständnisses.

Wissenschaftliche Einordnung und Quellen

Die Ergebnisse von PhysioDirect basieren auf einer randomisierten kontrollierten Studie im britischen National Health Service. Ergänzend stützen sich die Konzepte auf internationale Leitlinien zur Behandlung unspezifischer muskuloskelettaler Beschwerden, die frühe Aktivierung und Patientenedukation ausdrücklich empfehlen.

Quellen:
National Institute for Health Research (NIHR): PhysioDirect Trial – Randomised controlled trial of telephone assessment and advice services for physiotherapy, London.
British Journal of General Practice: Salisbury C. et al.: Effectiveness of PhysioDirect telephone assessment and advice service, London.
NICE Guideline NG59: Low back pain and sciatica in over 16s – assessment and management, London.
World Health Organization: Rehabilitation in health systems – guide for action, Geneva.

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