Bei einem Schlaganfall denken die meisten Menschen noch immer an das hohe Alter. Ich selbst weiß aus meiner Familie, wie falsch dieses Bild sein kann. Meine Schwägerin erlitt vor rund 40 Jahren einen Schlaganfall – in einem Alter, in dem man damit eigentlich nicht rechnet. Sie rauchte damals und nahm die Antibabypille. Ob diese Kombination tatsächlich die Ursache ihres Schlaganfalls war, lässt sich Jahrzehnte später natürlich nicht mehr feststellen. Aber heute wissen wir sehr viel genauer, dass gerade bei jüngeren Menschen Risikofaktoren zusammenkommen können, die lange unterschätzt wurden.
Und das Thema wird größer. Untersuchungen aus verschiedenen Industrieländern zeigen seit Jahren einen Anstieg ischämischer Schlaganfälle bei jüngeren Erwachsenen. In Deutschland erleiden nach Schätzungen der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe jährlich etwa 9.000 bis 14.000 Menschen zwischen 18 und 50 Jahren einen Schlaganfall. Ein Schlaganfall mit 35 oder 45 ist also kein medizinischer Exot. Für Betroffene ist er dennoch häufig ein Schock in einer Lebensphase, in der Beruf, Partnerschaft, Kinder und Zukunftsplanung eigentlich etwas ganz anderes vorgesehen hatten.
Warum bekommen junge Menschen überhaupt einen Schlaganfall?
Die einfache Antwort lautet: aus sehr unterschiedlichen Gründen. Genau das unterscheidet jüngere Patienten teilweise von älteren. Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Diabetes, Übergewicht und Rauchen spielen auch bei Jüngeren eine Rolle und werden inzwischen häufiger gefunden als früher angenommen. Daneben treten jedoch Ursachen stärker in den Vordergrund, die man bei einem 80-Jährigen weniger häufig erwarten würde: Gefäßdissektionen, also Einrisse in der Wand einer Halsarterie, angeborene Herzverbindungen wie ein persistierendes Foramen ovale, bestimmte Gerinnungsstörungen, Autoimmunerkrankungen oder seltene genetische Erkrankungen.
Gerade deshalb ist bei jungen Patienten eine sorgfältige Ursachensuche so wichtig. Ein Schlaganfall ist keine Diagnose, die automatisch erklärt, warum er passiert ist. Bei einem Teil der jüngeren Betroffenen bleibt die Ursache trotz umfangreicher Untersuchungen zunächst unklar. Die Forschung spricht dann von einem kryptogenen Schlaganfall. Das ist für Patienten verständlicherweise unbefriedigend – bedeutet aber nicht, dass die Suche sinnlos wäre oder spätere Untersuchungen nichts mehr ergeben könnten.
Pille und Rauchen: eine Kombination, die nicht der Vergangenheit angehört
Die Geschichte meiner Schwägerin führt zu einem Risikofaktor, der gerade für jüngere Frauen wichtig ist. Östrogenhaltige kombinierte hormonelle Verhütungsmittel können das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall erhöhen. Rauchen erhöht das Gefäßrisiko ebenfalls. Treffen beide Faktoren zusammen, wird die Kombination besonders problematisch. Vor 40 Jahren waren zudem höher dosierte Östrogenpräparate verbreiteter als heute.
Das bedeutet nicht, dass „die Pille“ grundsätzlich gefährlich ist. Moderne Präparate unterscheiden sich erheblich, und reine Gestagenpräparate sind hinsichtlich des Schlaganfallrisikos anders zu beurteilen als kombinierte östrogenhaltige Präparate. Entscheidend ist das individuelle Risikoprofil. Rauchen, Alter, Bluthochdruck und Migräne mit Aura können die Entscheidung für oder gegen eine östrogenhaltige Verhütung wesentlich beeinflussen. Auch heute gilt deshalb: Eine 38-jährige Raucherin ist medizinisch anders zu beurteilen als eine gesunde 22-jährige Nichtraucherin.
Lipoprotein(a): das Risiko, das man nicht wegjoggen kann
Besonders spannend wird es bei einem Risikofaktor, den viele Menschen noch nie haben bestimmen lassen: Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Es ähnelt dem LDL-Cholesterin, wird aber in seiner Konzentration weitgehend genetisch bestimmt. Ein hoher Wert kann das Risiko für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen und ist auch im Zusammenhang mit ischämischen Schlaganfällen relevant. Die europäischen Leitlinien empfehlen inzwischen, Lp(a) bei Erwachsenen mindestens einmal im Leben zu bestimmen.
Das ist gerade bei vorzeitigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in einer Familie interessant. Ein Mensch kann normalgewichtig sein, Sport treiben, vernünftig essen und nicht rauchen – und trotzdem einen erheblich erhöhten Lp(a)-Wert besitzen. Das ist keine Einladung zum Fatalismus. Im Gegenteil: Wer einen nicht veränderbaren Risikofaktor kennt, hat umso mehr Grund, die veränderbaren Faktoren wie Blutdruck, Rauchen, Bewegung und übrige Blutfette ernst zu nehmen. Gene sind eine Ausgangslage, kein Lebensurteil.
Ein Schlaganfall trifft bei jungen Menschen mitten ins Leben
Bei einem 40-Jährigen bedeutet Rehabilitation deshalb oft etwas anderes als bei einem hochbetagten Patienten. Es geht nicht nur darum, wieder vom Bett zum Stuhl zu gelangen. Vielleicht warten zwei Kinder zu Hause. Vielleicht muss jemand wieder Auto fahren können, eine Treppe bewältigen, acht Stunden arbeiten, eine Maschine bedienen oder am Computer gleichzeitig sprechen, lesen und schreiben. Andere möchten wieder joggen, Rad fahren oder Fußball spielen.
Auch unsichtbare Folgen können enorm sein. Fatigue, Konzentrationsprobleme, verlangsamte Informationsverarbeitung, Ängste oder Sprachstörungen sind von außen nicht unbedingt erkennbar. Ein Patient kann beim ersten Blick „wieder ganz normal“ wirken und trotzdem nach zwei Stunden geistiger oder körperlicher Belastung völlig erschöpft sein. Gerade bei jungen Betroffenen darf Rehabilitation deshalb nicht dort enden, wo ein Mensch wieder selbstständig zur Toilette gehen kann.
Physiotherapie bedeutet: dem Gehirn immer wieder eine Chance geben
Nach einem Schlaganfall können geschädigte Nervenzellen nicht einfach durch Physiotherapie zurückgeholt werden. Das Gehirn besitzt jedoch die Fähigkeit, Funktionen neu zu organisieren und vorhandene neuronale Netzwerke anzupassen. Diese Neuroplastizität ist eine wesentliche Grundlage der neurologischen Rehabilitation. Bewegung wird deshalb nicht nur „geübt“. Das Nervensystem erhält immer wieder konkrete Aufgaben, auf die es reagieren und sich anpassen muss.
Genau deshalb ist Wiederholung so wichtig. Aufstehen und Hinsetzen. Greifen und Loslassen. Gewicht verlagern. Einen Fuß kontrolliert aufsetzen. Gehen. Treppen steigen. Gleichgewicht halten. Bewegungen, die vor dem Schlaganfall selbstverständlich waren, können plötzlich zu anspruchsvollen Lernaufgaben werden. Moderne Leitlinien empfehlen ausdrücklich repetitives, auf konkrete Aufgaben ausgerichtetes Training bei Einschränkungen der oberen und unteren Extremitäten.
Auch Krafttraining hat seinen Platz. Nach einem Schlaganfall ist Muskelschwäche nicht etwas, das Patienten einfach hinnehmen müssen. Je nach Befund können Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, progressive Widerstandsübungen, Fahrradergometer und später ein individuell angepasstes Kraft- und Ausdauertraining eingesetzt werden. Physiotherapie nach Schlaganfall bedeutet damit längst nicht mehr ausschließlich vorsichtiges Bewegen auf einer Behandlungsliege.
Mehr fordern – aber nicht überfordern
Gerade bei jüngeren Patienten besteht eine besondere Herausforderung. Ein 38-Jähriger möchte häufig möglichst schnell sein altes Leben zurück. Das ist verständlich und diese Motivation kann wertvoll sein. Gleichzeitig braucht neurologische Rehabilitation Geduld. Fortschritte verlaufen nicht immer linear. Was gestern gelang, kann heute wegen Müdigkeit schlechter funktionieren. Nach einer guten Woche kann eine frustrierende folgen.
Hier hat Physiotherapie auch eine psychologische Komponente, ohne Psychotherapie ersetzen zu wollen. Ein guter Therapeut sieht nicht nur die Parese, den unsicheren Gang oder die eingeschränkte Schulterbeweglichkeit. Er sieht einen Menschen, der möglicherweise gerade Angst davor hat, nie wieder derjenige zu werden, der er vor dem Schlaganfall war. Ziele müssen deshalb anspruchsvoll, aber erreichbar sein. Kleine Fortschritte sind keine Trostpreise. Sie sind Bausteine größerer Funktionen.
Rehabilitation endet nicht an der Praxistür
Die eigentliche Frage lautet irgendwann nicht mehr nur: Kann der Patient 50 Meter gehen? Sondern: Kann er damit wieder am Leben teilnehmen? Kann er einkaufen, Freunde besuchen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen, arbeiten oder seinem Sport nachgehen? Internationale Rehabilitationsleitlinien betonen deshalb neben der körperlichen Funktion ausdrücklich die Rückkehr in Alltag, Gesellschaft und Beruf.
Gerade für jüngere Schlaganfallpatienten kann die berufliche Wiedereingliederung ein zentrales Rehabilitationsziel sein. Dabei müssen körperliche Anforderungen ebenso berücksichtigt werden wie Konzentration, Kommunikation, Multitasking und Fatigue. Manchmal ist eine stufenweise Rückkehr sinnvoller als der Versuch, von heute auf morgen wieder hundert Prozent zu leisten. Rehabilitation bedeutet nicht, möglichst schnell so zu tun, als wäre nichts geschehen. Sie soll ermöglichen, möglichst viel wirklich wieder zu können.
Bei Schlaganfall zählt trotzdem zuerst jede Minute
Alle Diskussionen über Ursachen und Rehabilitation dürfen eines nicht verdecken: Bei plötzlich auftretender Gesichtslähmung, einseitiger Schwäche, Sprach- oder Verständnisstörungen, ungewöhnlichen Sehstörungen oder anderen akuten neurologischen Ausfällen muss sofort der Rettungsdienst über 112 alarmiert werden. Auch wenn die Beschwerden nach wenigen Minuten wieder verschwinden, kann eine transitorische ischämische Attacke dahinterstecken. Abwarten ist hier keine vernünftige Strategie.
Mit 40 ist nach einem Schlaganfall nicht plötzlich das Leben vorbei
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft für Patienten und Angehörige. Ein Schlaganfall kann in Sekunden vieles verändern. Er kann Bewegungen, Sprache, Beruf, Partnerschaft und das eigene Selbstbild infrage stellen. Aber der Zustand in den ersten Tagen ist nicht automatisch der Zustand, mit dem ein Mensch für den Rest seines Lebens leben wird.
Rehabilitation braucht Zeit, Wiederholung, medizinische Betreuung und manchmal eine gehörige Portion Hartnäckigkeit. Physiotherapie kann verlorene Funktionen nicht versprechen. Sie kann aber systematisch daran arbeiten, vorhandene Fähigkeiten auszubauen, Bewegungen neu zu lernen, Kraft und Ausdauer zurückzugewinnen und Selbstständigkeit wieder möglich zu machen. Besonders junge Patienten haben häufig noch Jahrzehnte vor sich. Genau deshalb sollte die Rehabilitation nicht nur fragen, was nach dem Schlaganfall noch übrig ist. Sie sollte fragen, was wieder möglich werden kann.
