Ob Tennisarm, Sekretärinnenhand oder Mausarm: Hinter den volkstümlichen Namen steckt meist dieselbe Diagnose – die Sehnenscheidenentzündung (Tendovaginitis). Gemeint ist eine schmerzhafte Reizung beziehungsweise Entzündung im Bereich der Sehne und ihrer Gleitführung, die dort entsteht, wo Bewegung eigentlich „reibungslos“ funktionieren soll. Besonders häufig betroffen sind Menschen mit sehr gleichförmigen Wiederholungsbewegungen: Sportler mit einseitigen Techniken, Musiker mit stundenlangen Feinmotorikabläufen oder Schreibtischtätige, die Hand und Finger über Jahre in identischen Mustern belasten. Das Tückische ist nicht die Existenz der Bewegung, sondern ihr Dauercharakter, kombiniert mit kleinen Fehlwinkeln, zu wenig Pausen und zu wenig Ausgleich. Genau deshalb ist eine gute Therapie nicht „eine Sache“, sondern ein Trio aus Ruhe, entzündungshemmender Schmerztherapie (NSAR) und gezielter Physiotherapie – plus der Ehrlichkeit, die Ursache im Alltag wirklich zu verändern.
Die Anatomie der Sehnenscheide: Gleitfähigkeit statt Heldentum
Sehnen verbinden Muskel und Knochen und übertragen Zugkräfte, die je nach Aktivität erheblich sein können. Dort, wo Sehnen über Knochenvorsprünge, Engstellen oder Umlenkpunkte laufen, braucht der Körper ein System, das Reibung reduziert. Genau hier kommt die Sehnenscheide ins Spiel: Sie umhüllt die Sehne an stark beanspruchten Stellen und enthält eine gleitfördernde Flüssigkeit. Das Prinzip ist simpel: Bewegung soll wiederholbar bleiben, ohne dass die Oberfläche „trocken“ reibt. Wenn dieses System überfordert wird, entsteht eine Reizung der Innenhaut, es kommt zu Schwellung, veränderter Gleitfähigkeit, Schmerzen und in manchen Fällen zu einem spür- oder hörbaren Reiben. Besonders häufig passiert das am Handgelenk und am Daumenbereich, aber auch am Sprunggelenk, je nachdem, welche Bewegungsmuster dominieren. Was im Lehrbuch nach Mechanik klingt, wird im Alltag zum Problem, sobald die fein abgestimmte Gleitumgebung in eine Art Dauerstress gerät.
Warum es meistens selbstgemacht ist: Wiederholung plus Fehlbelastung
Die Sehnenscheide ist nicht „gegen Bewegung“, im Gegenteil: Sie ist für Bewegung gebaut. Problematisch wird es, wenn die Belastung zu hoch, zu einseitig oder zu schlecht verteilt ist. Dann reicht die natürliche Gleitfähigkeit nicht mehr aus, und die Reibung zwischen Sehne und Hülle steigt. Reizung wird Entzündung, Entzündung wird Schmerz, Schmerz führt zu Schonhaltung, Schonhaltung verschiebt Lasten auf andere Strukturen – und plötzlich tut nicht nur das Handgelenk weh, sondern auch Unterarm, Ellbogen oder Schulter. Klassische Auslöser sind monotones Klicken, ständiges Tippen ohne ausreichende Pausen, ungewohnte Renovierungsarbeiten mit stundenlangem Pinselgriff oder sportliche Spitzenbelastungen nach zu schnellem Trainingsaufbau. Auch Musiker kennen das Muster: nicht die eine Probe ist das Problem, sondern die Summe aus Technik, Dauer und zu wenig Regeneration. In selteneren Fällen steckt mehr dahinter, etwa eine entzündlich-rheumatische Grunderkrankung oder eine infektiöse Ursache. Genau deshalb gehört zur sauberen Diagnostik immer die Frage: Ist das „nur“ Überlastung – oder passt das Gesamtbild nicht dazu?
Typische Anzeichen: Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Schwellung und manchmal „Knirschen“
Viele Betroffene berichten über belastungsabhängige Schmerzen: In Ruhe wird es besser, bei Bewegung wieder schlimmer. Druckschmerz über dem Sehnenverlauf ist häufig, ebenso eine lokale Schwellung, manchmal Rötung oder Wärme. Die Feinmotorik kann eingeschränkt sein, weil der Körper intuitiv bremst. Manche beschreiben ein Reibegeräusch oder ein „Knirschen“, das man sogar fühlen kann, wenn die Sehne durch die gereizte Führung gleitet. Das bedeutet nicht automatisch „schlimmer“, aber es ist ein Hinweis darauf, dass das Gleitmilieu gestört ist. Wichtig ist, die Signale ernst zu nehmen, weil eine akute Tendovaginitis schneller chronisch werden kann, als einem lieb ist. Chronisch heißt nicht „für immer“, aber es heißt: mehr Umbauprozesse, mehr Zeit, mehr Therapieaufwand und oft mehr Frust, weil man im Alltag eben nicht einfach aufhören kann, Hand und Finger zu benutzen.
Akutphase richtig handeln: Ruhe ist Therapie, nicht Faulheit
In der akuten Phase ist das Ziel klar: Entzündung beruhigen, Reibung reduzieren, Schmerz kontrollieren. Dafür braucht es eine echte Belastungspause der auslösenden Bewegung. „Ein bisschen weniger“ reicht oft nicht, wenn das Gewebe bereits gereizt ist, denn jede weitere Mikroreibung hält den Prozess am Laufen. Je nach Befund kann eine zeitweise Ruhigstellung mit Schiene sinnvoll sein, weil sie unbewusste Ausweichbewegungen verhindert. Kühlung kann kurzfristig symptomatisch helfen, ersetzt aber keine Belastungssteuerung. NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) werden häufig eingesetzt, um Schmerz und Entzündung zu reduzieren. Entscheidend ist hier: NSAR sind eine Brücke, nicht der Boden. Wer nur Schmerz wegdrückt und dann genau so weitermacht wie zuvor, trainiert die Entzündung in die Verlängerung. Deshalb gehört in die Akutphase auch die Aufklärung: Welche Bewegung triggert es konkret? Welche Handhaltung, welcher Griff, welcher Winkel, welche Dauer? Ohne diese Analyse wird jede Tablette zur kurzfristigen Beruhigung eines Problems, das man gleichzeitig weiter produziert.
Physiotherapie als Schlüssel: Vom „Wegmachen“ zum Wiederbelasten
Physiotherapie ist bei Sehnenscheidenentzündung nicht die Show mit der Wunderhand, sondern die strukturierte Rückkehr zur Funktion. Nach der Ruhephase ist die Dosierung entscheidend: Zu früh zu viel Bewegung provoziert Reizung, zu lange Schonung macht das Gewebe empfindlicher und schwächt das muskuläre Umfeld. Ziel ist eine kontrollierte Mobilisation, die Gleitfähigkeit verbessert und gleichzeitig die Belastbarkeit wieder aufbaut. Dazu gehören sanfte Bewegungsübungen im schmerzarmen Bereich, später Dehnreize und schließlich Kraftaufbau. Wichtig ist, dass Kraft nicht nur „mehr Gewicht“ bedeutet, sondern bessere Lastverteilung. Wenn die Unterarmmuskulatur, die Handgelenksstabilisatoren und die Schulterblattkontrolle verbessert werden, sinkt die Spitzenlast auf die betroffene Sehnenstruktur. Gerade bei Mausarm- oder Tastaturmustern ist es oft nicht die Hand allein, sondern die gesamte Kette aus Schulter, Ellenbogen, Handgelenk und Griffdruck, die optimiert werden muss. Wer nur lokal behandelt, übersieht häufig die Ursache im proximalen System.
Technik-Korrektur: Gleiche Bewegung, andere Biomechanik
Ein zentrales Element ist die Korrektur des Bewegungsablaufs. Viele Betroffene bewegen nicht „falsch“ im Sinne von grob falsch, sondern dauerhaft suboptimal. Ein minimal abgeknicktes Handgelenk beim Klicken, ein überhöhter Griffdruck beim Instrument, ein ungünstiger Winkel beim Sportgerät oder eine Tastaturposition, die Schulter und Unterarm permanent in Spannung hält, reichen aus, um über Monate und Jahre ein Entzündungsrisiko aufzubauen. Physiotherapie übersetzt diese Details in praktische Lösungen: Handgelenk neutraler positionieren, Griffdruck reduzieren, Pausenstruktur festlegen, Bewegungen variieren, Kraft in den großen Muskeln aufbauen, damit die kleinen Strukturen nicht kompensieren müssen. Die Kunst liegt darin, dass die Veränderung alltagstauglich ist. Eine perfekte Ergonomie, die niemand umsetzt, ist wertlos. Eine gute Anpassung ist die, die jemand wirklich jeden Tag nutzt.
Wann ärztliche Abklärung nötig ist: Red Flags und Differentialdiagnosen
Nicht jede Schmerzstelle am Handgelenk ist automatisch eine Tendovaginitis. Daher gilt: Wenn starke Schwellung, ausgeprägte Rötung, Fieber, eine akute Verletzung, Gefühlsstörungen, deutliche Kraftausfälle oder anhaltende nächtliche Schmerzen auftreten, sollte ärztlich abgeklärt werden, ob etwas anderes vorliegt. Auch bei Verdacht auf rheumatische Systemerkrankungen oder wenn mehrere Sehnenregionen gleichzeitig betroffen sind, ist eine Diagnostik sinnvoll. Bildgebung ist nicht immer nötig, kann aber bei unklaren Fällen helfen, etwa um andere Ursachen auszuschließen oder den Verlauf einzuschätzen. Und ja: Manchmal braucht es weiterführende Maßnahmen, etwa Infiltrationen oder im chronischen Fall operative Verfahren. Physiotherapie ist stark, aber sie ist nicht dafür da, medizinische Alarmsignale zu übertünchen.
Rückkehr in Alltag, Sport und Beruf: Belastung dosieren statt „durchziehen“
Das größte Risiko nach einer Besserung ist der klassische Rebound: Es fühlt sich besser an, also macht man wieder alles wie zuvor, weil man „endlich wieder kann“. Genau dann kommt die Entzündung häufig zurück. Sinnvoller ist ein stufenweiser Belastungsaufbau: kürzere Intervalle, häufiger wechseln, Pausen aktiv nutzen, Ausgleichsübungen fest in den Tag integrieren. Im Sport bedeutet das, Technik zu überprüfen und Trainingsumfang langsamer zu steigern. Im Büro bedeutet es, Eingabegeräte zu wechseln, Maus- oder Trackpad-Alternativen zu prüfen, Unterarmauflagen sinnvoll einzusetzen und vor allem Mikropausen zu akzeptieren. Mikropausen sind keine Produktivitätsbremse, sondern Gewebeschutz. Wer das nicht glaubt, kann gerne ausprobieren, wie produktiv man mit schmerzendem Handgelenk noch ist.
Prävention: Das Ende der Geschichte liegt in kleinen Entscheidungen
Sehnenscheidenentzündung ist oft ein Lehrstück über die Summe kleiner Dinge. Der Körper verzeiht viel, aber nicht dauerhaft dieselbe Last ohne Ausgleich. Prävention heißt deshalb: Variation, Kraft, Technik, Regeneration. Variation bedeutet, Bewegungen zu wechseln und monotone Spitzen zu reduzieren. Kraft bedeutet, das muskuläre Umfeld so zu trainieren, dass die Sehne nicht allein „alles tragen“ muss. Technik bedeutet, Winkel und Griffdruck zu optimieren. Regeneration bedeutet, Pausen zuzulassen und Schlaf, Stress und Gesamtbelastung als Faktoren ernst zu nehmen. Gerade Stress erhöht oft unbewusst den Muskeltonus und damit die Grundspannung im System, was wiederum Feinmotorik „härter“ macht. Das klingt banal, ist aber in der Praxis ein häufiger Verstärker. Wer präventiv denkt, reduziert nicht nur das Risiko einer Tendovaginitis, sondern verbessert oft auch Performance, weil ökonomische Bewegung immer die bessere Bewegung ist.
Therapeutische Einordnung: Ruhe, NSAR und Physiotherapie als wirksames Grundgerüst
Wenn man die Behandlung auf einen Satz reduzieren müsste, wäre es dieser: Entzündung beruhigen, Reibung reduzieren, Funktion wiederaufbauen. Ruhe und temporäre Ruhigstellung schaffen die Entlastung, NSAR können die akute Entzündungsreaktion und Schmerzen dämpfen, und Physiotherapie sorgt dafür, dass der Rückweg in Alltag und Belastung nicht wieder im gleichen Muster endet. Wer das konsequent umsetzt, hat in vielen Fällen eine sehr gute Prognose. Wer hingegen nur eine Komponente wählt, bekommt oft genau das Ergebnis, das man erwarten darf: kurzfristige Besserung und langfristige Wiederholung. Und das ist dann keine „Pechsträhne“, sondern schlicht Biologie.
