Kniearthrose: Was können Bewegung, Ernährung, Vitamin C und Hyaluronsäure wirklich leisten

Kniearthrose: Was können Bewegung, Ernährung, Vitamin C und Hyaluronsäure wirklich leisten

Towfiqu barbhuiya Pexels

Kniearthrose: Die Ernährung hat Einfluss?

Wenn das Knie morgens erst einmal ein paar Schritte braucht, bevor es sich zur Zusammenarbeit bereit erklärt, Treppen plötzlich interessanter werden als einem lieb ist und längeres Sitzen mit einem unangenehmen Anlaufschmerz quittiert wird, fällt häufig ein Begriff: Arthrose. Und kaum steht die Diagnose im Raum, beginnt die Suche nach Möglichkeiten, den Verschleiß aufzuhalten. Mehr bewegen oder weniger? Vitamin C? Zink? Selen? Kollagen? Hyaluronsäure ins Knie spritzen lassen – und wenn ja, möglichst früh?

An Ratschlägen mangelt es nicht. Manche beruhen auf einer guten wissenschaftlichen Grundlage, andere auf biologisch durchaus plausiblen Überlegungen, aus denen allerdings schneller ein therapeutisches Versprechen gemacht wird, als es die Studienlage erlaubt.

Gerade bei Kniearthrose lohnt es sich deshalb, genauer hinzusehen. Denn zwischen „dieser Nährstoff wird für den Knorpelstoffwechsel benötigt“ und „dieser Nährstoff beseitigt Arthroseschmerzen“ liegt wissenschaftlich ein ziemlich großer Unterschied.

Arthrose bedeutet nicht: Das Knie möglichst wenig benutzen

Eine der hartnäckigsten Vorstellungen über Arthrose lautet, ein verschlissenes Gelenk müsse vor allem geschont werden. Das klingt zunächst logisch: Was abgenutzt ist, sollte schließlich nicht noch stärker beansprucht werden.

Beim menschlichen Bewegungsapparat funktioniert diese Logik allerdings nur begrenzt.

Bewegung und gezieltes Training gehören heute zu den zentralen Bestandteilen der konservativen Arthrosebehandlung. Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie zur Gonarthrose basiert ausdrücklich auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen; auch internationale Leitlinien empfehlen therapeutische Bewegung mit individuell angepasster Muskelkräftigung und allgemeinem Ausdauertraining. Regelmäßiges Training kann Schmerzen reduzieren und Funktion sowie Lebensqualität verbessern.

Das bedeutet nicht, dass jedes schmerzende Knie möglichst viele Kilometer laufen oder schwere Kniebeugen absolvieren sollte. Entscheidend sind Belastungsart, Dosierung und die individuelle Situation. Genau hier spielt Physiotherapie eine wichtige Rolle.

Ein gut aufgebautes Training kann beispielsweise die Muskulatur von Oberschenkel, Hüfte und Rumpf kräftigen, Beweglichkeit erhalten und Bewegungsabläufe verbessern. Das Knie arbeitet schließlich nicht allein. Wie Hüfte, Fuß und Sprunggelenk belastet und kontrolliert werden, beeinflusst auch die mechanischen Anforderungen an das Knie.

Die richtige Frage lautet deshalb häufig nicht: „Wie kann ich mein Knie möglichst wenig belasten?“, sondern: „Welche Belastung hilft meinem Knie – und wie viel davon verträgt es?“  Was tun bei Kniearthrose? 

Knorpel braucht Nährstoffe – aber daraus folgt noch keine Wundertherapie

Dann kommt die Ernährung ins Spiel. Und hier wird es komplizierter.

Gelenkknorpel besteht unter anderem aus einer extrazellulären Matrix mit Kollagenen und Proteoglykanen. Für Aufbau, Erhalt und Stoffwechsel von Gewebe benötigt der Körper selbstverständlich Nährstoffe. Eine ausgewogene Ernährung ist deshalb auch für Menschen mit Arthrose sinnvoll.

Besonders häufig wird Vitamin C genannt. Dafür gibt es einen nachvollziehbaren biologischen Grund: Vitamin C trägt zu einer normalen Kollagenbildung für eine normale Knorpelfunktion bei. Ohne ausreichendes Vitamin C funktioniert die Kollagensynthese nicht normal.

Aus dieser Tatsache wird allerdings gelegentlich eine wesentlich größere Behauptung: Viele Menschen hätten einen Vitamin-C-Mangel und Arthrosebeschwerden könnten verschwinden, sobald nur genügend Vitamin C aufgenommen werde.

So einfach ist es nicht.

Ein bestehender Nährstoffmangel sollte selbstverständlich behoben werden. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass zusätzliche hohe Vitamin-C-Mengen bei einem ausreichend versorgten Menschen verschlissenen Gelenkknorpel wiederherstellen oder Kniearthrose zuverlässig schmerzfrei machen.

Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie aus korrekter Biochemie eine zu weitgehende Therapieaussage entstehen kann.

Und was ist mit Zink und Selen?

Ähnlich vorsichtig sollte man Aussagen über Zink und Selen betrachten. Beide sind essentielle Spurenelemente und erfüllen zahlreiche Funktionen im menschlichen Stoffwechsel. Eine ausreichende Versorgung gehört zu einer vernünftigen Ernährung.

Aber auch hier gilt: „Der Körper benötigt einen Stoff“ bedeutet nicht automatisch „mehr davon behandelt Arthrose“.

Wer tatsächlich einen Mangel hat, sollte ihn gezielt korrigieren. Nahrungsergänzungsmittel nach dem Prinzip „viel hilft viel“ sind dagegen keine überzeugende Arthrosetherapie. Bei Spurenelementen kann eine dauerhaft überhöhte Zufuhr sogar unerwünschte Folgen haben.

Für die Praxis ist deshalb die unspektakulärere Empfehlung meist die vernünftigere: abwechslungsreich essen, ausreichend Protein zuführen und eine gute Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen sicherstellen. Besteht aufgrund der Ernährung, Erkrankungen oder anderer Faktoren der Verdacht auf einen Mangel, kann eine gezielte medizinische Abklärung sinnvoller sein als ein ganzer Schrank voller Supplemente.

Ernährung kann trotzdem einen erheblichen Unterschied machen

Damit wäre es allerdings genauso falsch, Ernährung bei Kniearthrose als nebensächlich abzutun.

Besonders deutlich wird das beim Körpergewicht. Das Knie trägt bei jedem Schritt Last. Bei Übergewicht kann eine Gewichtsreduktion deshalb die mechanische Belastung des Kniegelenks verringern und zusammen mit Bewegung einen wichtigen Bestandteil der Behandlung darstellen.

Eine vernünftige Ernährung kann außerdem dabei helfen, Muskelmasse zu erhalten oder aufzubauen – und genau diese Muskulatur wird für eine aktive Arthrosetherapie gebraucht.

Damit bekommt Ernährung eine wesentlich glaubwürdigere Rolle: Sie liefert keine magische Reparaturmischung für Knorpel, sondern schafft Voraussetzungen, unter denen Bewegung, Muskelaufbau, Gewichtsmanagement und allgemeine Gesundheit besser funktionieren können.

Hyaluronsäure: „rechtzeitig spritzen“ klingt einfacher, als die Studienlage ist

Besonders interessant wird es bei der häufig gehörten Empfehlung, Hyaluronsäure möglichst frühzeitig ins arthrotische Knie spritzen zu lassen. Dahinter steht die sogenannte Viskosupplementation. Hyaluronsäure ist natürlicherweise Bestandteil der Gelenkflüssigkeit und spielt bei deren physikalischen Eigenschaften eine Rolle.

Die Vorstellung klingt deshalb zunächst ausgesprochen plausibel: Wenn sich die Verhältnisse im arthrotischen Gelenk verändern, wird Hyaluronsäure eingebracht, um die Gelenkfunktion zu unterstützen und Beschwerden zu reduzieren.

Von einer allgemeinen „Pflege für das Gelenk“, die man möglichst früh beginnen sollte, würde ich trotzdem nicht sprechen.

Die Bewertung von Hyaluronsäure-Injektionen ist international nicht einheitlich. Besonders deutlich ist die britische NICE-Leitlinie: Sie empfiehlt intraartikuläre Hyaluronan-Injektionen zur Arthrosebehandlung nicht. Begründet wird dies damit, dass in der ausgewerteten Evidenz kein überzeugender Nutzen für Lebensqualität, körperliche Funktion oder Schmerz bei Knie- beziehungsweise Hüftarthrose gezeigt werden konnte.

Das bedeutet wiederum nicht, dass kein einzelner Patient nach einer Hyaluronsäure-Injektion eine Verbesserung wahrnehmen kann. Es bedeutet vielmehr, dass aus individuellen positiven Erfahrungen keine generelle Empfehlung für alle Menschen mit Kniearthrose abgeleitet werden sollte.

Und vor allem bedeutet es: Eine Spritze ersetzt nicht das Training.

Gerade darin liegt vielleicht die wichtigste Botschaft der modernen Arthrosetherapie. Es gibt nicht die eine Maßnahme, die das Knie „repariert“. Erfolgreiche konservative Behandlung besteht vielmehr aus mehreren Bausteinen – und einer der wichtigsten davon ist erstaunlich wenig spektakulär: regelmäßig, sinnvoll und individuell angepasst bewegen.

physiotherapie
Physiotherapie
Portal mit Forum und Magazin: Alles über Physiotherapie, Krankengymnastik und Austausch von Physiotherapeuten und Patienten

0 Kommentare

Banner image